50.000 demonstrieren in Brüssel

7. April 2014 | Veröffentlicht von Horst Hilse / ws

Ein Schritt in die richtige Richtung

Am 4.4 hatte der EGB zu einer europaweiten Demo nach Brüssel aufgerufen. Die deutschen Medien berichten aber nur über Scharmützle am Rande der Demo, leider aber nichts über die Inhalte. Deshalb hier der Bericht unseres Kölner Korrespondenten Horst Hilse.

Dein Europa = Kapital!
Unser Europa = Solidarität!

So hatten belgische Gewerkschaftskollegen im gewerkschaftlichen Demozug am Freitagnachmittag kurz und bündig auf großen Plakaten formuliert.

Zu der gewerkschaftlichen Großdemonstration gegen die europäische Sparpolitik in Brüssel am Freitag kamen weit mehr als gedacht. Wie viele 10 000de mögen es gewesen sein, die am Freitag durch das Brüsseler Europaviertel gegen die Sparbeschlüsse demonstrierten? Die Zahlen schwanken: Französische Kollegen geben mehr als 65 000 an, der DGB spricht von 50 000 und die belgische Polizei spricht von 25 000. Sie hebt hervor, dass sie immer wieder „angegriffen“ worden sei, was dpa sofort in Deutschland in die Medienmaschine einspeist. 27 verletzte Kollegen nach teilweise heftigen Scharmützeln mit Wasserwerfern am Rande der Demo. Die Hafenarbeiter aus Gent und Antwerpen liessen sich nicht einfach mal so wegspritzen und schließlich mussten die Wasserwerfer von Hundertschaften gesichert werden. Dadurch, dass die Veranstalter des EGB diese Aktion auf einen Werktag legten, war eine größere Beteiligung von vornherein erschwert, da die Kollegen in den Streik treten mussten, um zur Demo zu fahren.
Fast 2,5 Stunden dauerte es, bis die kompakten Demoblöcke in Brüssel an einer Stelle vorbeidemonstriert waren. Dabei gingen die Kollegen in 20er Reihen nebeneinander. Unübersehbar waren die massiven Blöcke mit mehreren 10 000 aus Frankreich und aus Belgien. Die CGT hatte ihre Regionen nördlich von Paris mobilisiert. Die Kollegen hatten mehrere Blaskapellen und Trommlergruppen mitgebracht. Aber der eindeutige Renner bei den vielen tausenden französischsprachigen Kollegen war der Ohrwurm „on lache rien“ ( etwa: Wir lassen nicht locker/wir lassen nichts anbrennen) Mit dieser weiten Verbreitung hatte die NPA in Frankreich wohl kaum gerechnet, als sie das Lied ab Herbst 2010 popularisierte.
(Hier in voller Länge: http://npa2009.org/videos/hk-les-saltimbanks) Und immer wieder die „Internationale“ auf Französisch, was bei den Kollegen aus Osteuropa zwiespältige Gefühle erzeugte:  Mehrere tausend Kroaten und einige hundert Slowenen waren ebenso im Zug vertreten, wie ein nach tausenden zählender Block der polnischen Solidarnosc.
Phantasievolle Gruppen waren in den Blöcken auszumachen. So gab es beispielsweise mehrere Reihen mit Ketten zusammengebundener Kollegen, die jeweils ein großes Pappschild mit den Nationalfarben trugen und ihre durchschnittlichen Dumpinglöhne aufgeschrieben hatten: von 3,20 Euro bis 14,00 Euro reichten die Zahlen. Dazu das große Transparent: „Das ist das Europa der Troika“. Gruppen der spanischen Basken waren an ihren Halstüchern erkennbar. Die Unkenntnis der baskischen Sprache verhindert die Entzifferung der Transparente. Das fiel bei den englischen Kollegen aus Southampton, Essex und Kent schon wesentlich einfacher. Auch sie waren mit etwa 1000 Kollegen von der Insel herübergekommen. Die Dockarbeiter trugen ein großes Transparent: „Dockers for a social Europe“ und wunderten sich erfreut, dass sich hinter dem Transparent belgische, französische,englische und niederländische Dockarbeiter in unerwarteter Größe formierten.
Griechische Kollegen des öffentlichen Dienstes und von OLME waren ebenfalls mit einigen hundert Mitgliedern vertreten.
Eine größere Gruppe niederländischer Kollegen trugen Regenschirme, die mit der Europaflagge gestaltet waren. Sie hatten die gelben Sterne durch aufgeklebte Scherensymbole ersetzt. In der Mitte des Schirms prangte jeweils ein großes „NO“, „NON“, “NEIN“,“ NEJ“.
Bereits am Tage vor der Brüsseler Demo waren am Donnerstag im Süden des europäischen Kontinents 100 000 Menschen durch die Straßen Madrids demonstriert. Begleitet war die Kundgebung von zahlreichen Aktionen und Streiks im ganzen Land. Schätzungsweise 1,5 Millionen Kollegen beteiligten sich in Spanien.
Auch der DGB war in Brüssel vertreten: Eine größere Gruppe aus Trier und mehrere Busse aus Sachsen waren ebenso angereist, wie einige Busse aus NRW. Die IG-Metall hatte am Ort der Abschlusskundgebung einen etwa 20 Meter hohen „Metallerkollegen“ aufgestellt, der wahrscheinlich dazu gedacht war, die gähnende Lücke zu verdecken, die der fehlende DGB hinterliess.
Diese gesamteuropäische Aktion weist in die richtige Richtung: Die europäischen Gewerkschaften müssen sich – wie ihre Gegner auch –  kontinental bewegen, wenn sie den ständigen Angriffen Paroli bieten wollen. Die „internationale Solidarität“ ist heute zur zwingenden Notwendigkeit des gewerkschaftlichen Alltags geworden, wenn die weitere Verarmung gestoppt und der grassierende Nationalismus aufgehalten werden soll. Dazu müssen die Gewerkschaften Standortlogiken und die Illusionen der Marksteuerung in die Tonne kloppen und anfangen, ernsthaft über kontinentale Kampfstrategien nachzudenken.

4. April 2014  h.hilse

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