AKW-Tihange soll wieder angeschaltet werden!

24. Mai 2013 | Veröffentlicht von Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie / ws

Das Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie kämpft seit langem gegen das AKW-Tihange. In einem „offenen Brief“ wendet es sich an die belgische Regierung mit folgendem Wortlaut:
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Sehr geehrter Herr Premierminister Di Rupo,
sehr geehrte Frau Innenministerin Milquet,

wir sind empört und fassungslos über das unverant­wortliche Vorgehen der belgischen Regierung, Doel 3 und Tihange 2 wieder in Betrieb nehmen zu wollen. Wir als Unterzeichner dieses offenen Briefes fordern Sie auf, den Betrieb der beiden Atomkraftwerke zu beenden.

Die Regierung kann sich nicht aus der Verantwortung stehlen.

Sie, Frau Milquet, werden im Grenzecho wie folgt zitiert: „Wir haben es mit einer unabhängigen Aufsichtsbehörde zu tun und wir haben keinerlei Möglichkeit, uns einzumischen.“
So einfach können Sie als Regierungsvertreter sich die Sache nicht machen.
Herr De Roovere, der frühere Chef der FANC, wurde plötzlich und unerwartet durch die Regierung abgesetzt, obwohl sein Vertrag kurz zuvor eigentlich verlängert wurde. Hatte diese Entlassung etwa mit seiner Aussage zu tun, dass er sich nicht mehr sicher sei, dass das mit Kernenergie gepaarte Risiko heute noch tragbar sei? Unter De Roovere war ein Bemühen erkennbar, sich kritisch mit den Fehlstellen von Doel 3 und Tihange 2 auseinander zu setzen. Seine kritische Haltung passte der belgischen Regierung möglicherweise nicht mehr ins Konzept, so dass er durch einen Atomhardliner wie Jan Bens ersetzt wurde. Mit ihm haben Sie den früheren Leiter des defekten AKWs an die Spitze der Aufsichtsbehörde gesetzt, die heute über den „sicheren“ Weiterbetrieb entscheiden soll. Befangenheit auf diese Art bewusst herbeizuführen, ist eines Rechtsstaates unwürdig.

Um auf Ihr, Frau Milquet, anfangs aufgeführtes Zitat zurück zu kommen: Wir finden es erstaunlich, dass plötzlich die FANC allein über den Neustart von Doel 3 und Tihange 2 entscheiden soll. Auf der Website der FANC selbst ist zweifelsfrei zu lesen, dass es bei der Entscheidung über das Wiederanfahren der beiden Reaktoren nur einen Entscheider gibt: nämlich die Regierung. Den Entscheidungsprozess finden Sie auf der FANC-Website unter (http://fanc.fgov.be/GED/00000000/3300/3324.pdf). Falls das Dokument dort nicht mehr vorhanden ist, stellen wir es gerne zur Verfügung.
Zur Erläuterung: bei dieser Art von Diagrammen (Flussdiagrammen) sind Entscheidungen immer durch eine Raute gekennzeichnet, also gibt es in diesem Prozess nur einen Entscheider – die Regierung. Bitte beantworten Sie daher folgende Frage: Wie kommen Sie zur Aussage, dass die FANC allein über das Wiederanfahren entscheidet und Sie keine Einflussmöglichkeit besitzen?

Die Sicherheit der beiden Atomreaktoren ist nach wie vor nicht nachgewiesen

Auch nach dem Abschlussbericht bleiben viele Fragen und Zweifel. Alle hier aufzuführen ist nicht der Sinn eines „Öffentlichen Briefes“. Deshalb nennen wir hier nur die wichtigsten Punkte aus den veröffentlichten Unterlagen :
Es werden nicht alle gängigen in internationalen Regelwerken definierten Lastfälle für Atomkraftwerke berücksichtigt. Insbesondere werden Vereinfachungen unterstellt, die nicht zulässig sind (bspw. eine achssymetrische thermische Belastung).
Offensichtlich müssen Belastungen schon im Normalbetrieb reduziert werden (das Atomkraftwerk darf nur langsamer hoch- und heruntergefahren werden). Was passiert denn in einem Notfall, wo gänzlich andere Belastungen auftreten können?
Die Herkunft der Risse ist nach wie vor nicht geklärt. Dies ist jedoch Grundlage für jede weitere Bewertung.
Es gibt kein Probenmaterial, das für die Schadstellen des RDBs repräsentativ wäre. Auch dies wäre Grundlage einer seriösen Bewertung.
Wichtige zur Bewertung notwendige Unterlagen aus der Herstellungsphase der Druckbehälter sind verschwunden.
Eine Untersuchung des gesamten Druckbehälters auf Fehlstellen ist heute aus technischen Gründen nicht möglich. Deshalb können eine Vielzahl weiterer Fehlstellen nach wie vor unerkannt sein.

Neutrale Experten, unter ihnen der frühere technische Leiter der deutschen Atomaufsicht Dieter Majer, fassen all dies wie folgt zusammen: „Man muss feststellen, dass ein Wieder­anfahren der beiden Reaktoren nach der uns zur Verfügung stehenden Aktenlage nicht zu verantworten ist.“.

Offenlegung aller Unterlagen in den Sprachen der möglicherweise betroffenen Länder

Solange der Beschluss der Stilllegung von Doel 3 und Tihange 2 nicht unumstößlich erfolgt ist, erwarten wir die Offenlegung ausnahmslos aller Unterlagen, Messberichte u.ä. die zur Entscheidung des Wiederanfahrens von Doel 3 und Tihange 2 geführt haben. Die FANC hat jegliches, wirklich jegliches, noch verbliebene Vertrauen in ihre Neutralität verwirkt. Aus diesem Grund ist es unerlässlich, dass Sie unabhängigen Experten die Möglichkeit eröffnen, die Ergebnisse eigenständig zu bewerten und zu berechnen.
Wir erwarten, dass alle Unterlagen auch in Englisch bereit gestellt werden, damit das Konsultieren unabhängiger Experten erleichtert wird.

Fazit und unsere unmissverständliche Forderung

Wir sehen unser Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit durch Sie verletzt. Durch Ihr unverant­wortliches Vorgehen wären wir, unsere Familien und alle betroffenen Menschen in Belgien, den Niederlanden, Deutschland, Luxemburg und Frankreich, bei einem Unfall in Tihange oder Doel gefährdet. Deshalb fordern wir:

Legen Sie Doel 3 und Tihange 2 umgehend und dauerhaft still!

Dieser Brief kann unterzeichnet werden, siehe http://www.stop-tihange.org/open_letter (ab dem 25. Mai 2013)

 

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