Atomare Störfälle in Belgien gravierender als zugegeben?!

13. Dezember 2011 | Veröffentlicht von Jörg Schellenberg & Walter Schumacher

Zwei aktuelle Zwischenfälle in den belgischen Nuklearanlagen scheinen weitreichendere Auswirkungen gehabt zu haben als bislang einräumt. Schon das von den Behörden beschriebene Ereignis legt nahe, dass es auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) hätte höher eingestuft werden müssen.

Am Montag (12.12.2011) gegen 14 Uhr lief die Meldung „zwei leichte nukleare Störfälle in den Atomkraftwerken Tihange und Dessel“ über die belgischen News-Ticker. Der BRF stellte dies um 16 Uhr als Meldung ins Netz (http://brf.be/nachrichten/national/305298/)

… In den atomaren Anlagen von Dessel und den AKWs in Tihange sei es zu Störfällen der Kategorie I der „Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse“ (INES) gekommen. In Dessel seien zwei Arbeiter radioaktiv verstrahlt worden. Eine Gefahr für Mensch und Umwelt wurde kategorisch ausgeschlossen ….

Wir haben uns deshalb einige Fragen gestellt

  1. Welche Verletzungen von Menschen und welche Material-Schäden hat es tatsächlich gegeben?
  2. War es angemessen, den Unfall in die Störfall-Stufe 1 der INES Skala einzuordnen? (siehe hierzu Anmerkung_1)
  3. Was wissen die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA), die belgische Botschaft und das Bundesamt für Strahlenschutz von diesen Unfällen?
  4. Wieso werden die Unfälle aus der LETZTEN Woche erst am Montag DIESER Woche gemeldet?

 

Die Antworten

  • Zu Punkt 1 und Punkt 2 gibt es eine französischsprachige Internetseite (http://www.lalibre.be/societe/planete/article/706018/deux-incidents-nucleaires-a-dessel-et-tihange.html). Sie beschreibt ein Unfallgeschehen, bei dem sich die Frage aufdrängt, ob unabhängige Gutachter ebenfalls nur von der Störstufe 1 sprechen würden. Die Störfallskala (1) kennzeichnet „Unfälle mit verstrahlten Personen“ als Störfall-Stufe 2 !

  • Zu Punkt 3: Unser Anruf bei der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO, Tel: (+431) 2600-0) führte nur zu einem Anrufbeantworter. Der Anruf beim Bundesamt für Strahlenschutz (Tel: +49 (0)30 18333-0 ) führte dagegen zu einem freundlichen Gespräch ohne konkrete Informationen zu den beiden Unfällen.

Verstörend ist jedoch die Beantwortung von Punkt 4

  • Zuerst dachten wir nur an die klassische Variante: Das „normale“ Verschleppen von Informationen seitens der Atomkraftbetreiber.

  • Bei der weiteren Recherche haben wir uns dann eine Karte der Messstellen von Radioaktivität (2) vom „Bundesamt für Strahlenschutz“ angeschaut und sind darauf gestoßen, dass etwas Ernsteres dahintersteckt.

    Möglicherweise hatten die AKW-Betreiber zunächst gehofft, der Störfall würde von niemandem bemerkt und sie wollten ihn deshalb überhaupt nicht melden!

Und das radioaktive Material in der Luft?

Im Tagesverlauf vom 12.12.11 wurde – alles deutet darauf hin – radioaktives Material im Raum Belgien in die Luft eingebracht! (3) Da solch eine Erhöhung der Dosisleistung auch von außen messbar ist, könnte es den Atomkraftbetreibern sprichwörtlich zu heiß geworden sein. Sie mussten befürchten, dass jetzt etwas herauskommen könnte und jemand auf Grund erhöhter Strahlungswerte in der Luft Nachforschungen anstellen würde. Möglicherweise war das der Anlass, dass sie die Flucht nach vorne angetreten und am Montagmittag schnell die Meldung des Unfalls der LETZTEN Woche lanciert haben.

Die Messwerte

In den allgemein zugänglichen Karten des „Bundesamts für Strahlenschutz“ ist jedenfalls ein deutlicher Anstieg von Radioaktivität in den deutschen Messstellen (2) an der Westgrenze am 12.12. ab 0400 Uhr registriert worden. Man sieht das deutlich bei den Messstellen an der Grenze B/D zwischen Trier im Süden bis Gangelt im Norden. Dieser Strahlungs-Peak „wanderte“ dann in Richtung Nord-Ost über die Messstellen und ist dort jeweils dokumentiert.

Noch etwas Wichtiges für besorgte LeserInnen

Dieser Artikel besagt NICHT, dass die Unfälle in Belgien zu einer akuten Gesundheitsgefährdung in unserer Region führen! Wir zeigen mit diesem Artikel nur auf, wie sehr die Atomkraftbetreiber ihre Probleme mehr oder minder geschickt vertuschen!

Es bleibt bei den Forderungen der Anti-Atombewegung

  • Alle Atomkraftwerke müssen sofort abgeschaltet werden!

  • Alle Gewinne der Atomkonzerne müssen in einen Reparationsfond eingezahlt werden, um damit die kommenden Kosten des Rückbaus der AKWs und die „sichere“ Lagerung des Atommülls über Jahrtausende zu finanzieren, was andernfalls der Gesellschaft aufgebürdet würde.

 

Anmerkungen:

(1) So funktioniert die INES-Skala: Erläuterungen zur Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) des Bundesamtes für Strahlenschutz http://www.bfs.de/de/kerntechnik/ereignisse/ines.html

(2) Wir verweisen hierzu auf die öffentlich zugängliche Karte des „Bundesamts für Strahlenschutz“ http://odlinfo.bfs.de/ (dort auf die jeweiligen Messstellen klicken und die Tagesganglinien beachten).

(3) Ob das nun die Auswirkungen des Störfalls der letzten Woche oder aber eines weiteren Unfalls waren, wissen wir natürlich nicht.