EINE Position zum Gaza-Krieg aus dem AKB-AC

3. August 2014 | Veröffentlicht von Daniel Silberman / ws

Die beiden Kriege in der Ukraine und in Gaza haben zu langen und schwierigen Diskussionen innerhalb des Anti-Kriegs-Bündnisses Aachen (AKB) geführt. Beim Ukraine-Krieg werden zwar die politischen Positionen der sog. Separatisten unterstützt, nicht aber die Form des aktuellen militärischen Kampfes dort. Ähnlich sieht es beim Konflikt in Gaza aus. Auch dort werden die politischen Forderungen der Palästinenser unterstützt, nicht aber deren Form der Militanz mit Raketen auf Zivilisten in Israel. Ebenso wird die systematische Unterdrückungspolitik Israels und seine aktuelle völlig unangemessene Kriegsführung abgelehnt.

Wir veröffentlichen hier einen Beitrag aus dieser Auseinandersetzung vom AKB-Mitglied Daniel Silberman als Dokumentation:

Liebe MitstreiterInnen,
ich konnte am Montag Rudls (AKB) Rede nicht hören, da ich wieder um 18:30 Uhr arbeiten musste und diesmal nicht in der Nähe vom Elisenbrunnen war. Ich möchte aber als Jude, der in Israel gelebt hat, als Argentinier, der an der eigenen Haut den Antisemitismus* in Argentinien kennenlernen musste und als Einwanderer in Deutschland, der schon seit knapp 20 Jahre in Aachen wohnt einige Überlegungen über den Krieg in NahOst weitergeben.

* Um die Redaktion zu vereinfachen, benutze ich in diesem Text den Begriff Antisemitismus, wie man ihn üblich kennt. Aber im Grunde, sind die Palästinenser genau so Semiten wie die Juden oder sogar mehr noch, denn sie haben sich historisch bedingt viel weniger als die Juden mit anderen Ethnien vermischt. Diese Monopolisierung des Begriffes Antisemitismus im Sinn von Antijudaismus erinnert mich sehr an die Monopolisierung des Begriffes Amerikaner, der nur noch die Bürger der Vereinigte Staaten von Amerika meint. Aber Amerikaner sind nicht nur sie, sondern ist jeder Bürger von Feuerland bis Alaska, von Argentinien über Mexico bis Kanada.

1. Der Transfer

Ende der 80´er Jahre haben die religiösen Parteien in Israel angefangen, immer stärker zu werden. Dadurch haben sie die Politik in Israel als dritte Parteien entscheidend gefärbt. Anfang der 90´er Jahre hat man in Israel täglich heftig über die Politik des Transfers diskutiert. Laut dieser Politik sollten die Palästinenser in der West Bank nach Jordanien transferiert werden. Aber als dann König Hussein aus Jordanien plötzlich die West Bank freigegab, ist der Plan des Transfers gestorben und es öffnete sich damit die historische Chance der Gründung eines palästinensichen Staates. Kurze Zeit später erkannte die PLO das Recht Israel neben einem palästinensischen Staat zu existieren an. All das ist geschehen vor den Gesprächen in Madrid, die mit dem Oslo Abkommen endeten. Damals sprach man in Israel nicht von Palästinensern, sondern von Arabern. Man wollte so kaschieren, dass die Palästinenser ein eigenes Volk sind. Mit der Aussage, dass sie alle Araber sind, konnte man den Transfer rechtfertigen. In 1992 hörte man hörte überall auf der Straße Israels: „Wir (Juden) sind doch nur 4 Mio und haben ein so kleines Land. Ihr (Araber) seit über 70 Mio und habt so viel Land rundherum. Warum möchtet ihr nicht bei euren Leute mitwohnen und uns in Frieden leben lassen?“. Bis dahin dachte die Mehrheit der Israelis, dass sie Frieden gegen Land (gemeint waren die in 1967 besetzte Gebiete) erlangen könnten. Die religiösen orthodoxen Parteien hingegen wollten das biblische Israel, das Gott ihnen gegeben hatte, nur für das jüdische Volk haben. Für sie und für die Likud, die große rechte Partei, kam diese Austausch deshalb nicht in Frage.

2. Die Enteignung von Palästina

Auch viele Palästinenser und große Teile der arabischen Völker wollten das Recht des jüdischen Volkes auf Israel nicht anerkennen und lehnten die Politik des Frieden gegen Land entschlossen ab. Sie fühlten sich zu Recht beraubt, denn Palästina war 2000 Jahre lang ununterbrochen arabisches Land gewesen, bis in 1947 die UN den Staat Israel ins Leben gerufen hat. Auf diese Weise wurde dem palästinensischen Volk ein kleines Stück arabisches Land zugunsten der Juden enteignet. Von einem Tag auf dem anderen befanden sich die arabischen Bewohner von Palästina in dem Dilemma, entweder aus ihren Häusern rausgeschmissen zu werden oder als diskriminierte Bürger dritte Klasse in Israel leben zu müssen. Damit glaubte die christlich-westliche Zivilisation ihre eigene Schuld wegen des Holocaust gegenüber den Juden wiedergutgemacht zu haben. Knapp 2000 Jahre antisemitischer Politik der christlichen Kirchen hatten große Ressentiments gegenüber den Juden im Bewusstsein der westlichen Bevölkerung hinterlassen. Diese Ressentiments machten letztendlich den jüdischen Holocaust während den Zweiten Welt Krieg möglich. Die christlich-westliche Zivilisation hatte mit der Gründung Israels für seine Sünden vordergründig einen Hohen Preis bezahlt… aber auf Kosten der palästinensischen und der anderen arabischen Völker.

3. Zionismus und Judentum

„Im Anfang war das Wort…“ steht im Johannesevangelium. Wer über Zionismus spricht und den Zionismus urteilen will, muss einmal in seinem Leben Der Judenstaat von Theodor Herzl gelesen haben und sich auch über den Antisemitismus in Frankreich in 1895 informieren, welche die Entstehung dieses Büchleins beeinflusst hat. Zionismus hat nichts mit Faschismus zu tun. Zionismus ist auch nicht mit Nationalismus gleichzustellen. Zionismus war am Anfang die Suche nach einer jüdischen Lösung für eine Nation ohne Land, aber zwischen den Zionismus von damals und was im Laufe der Zeit geworden ist, liegen Lichtjahre. Wer den Zionismus nicht versteht, kann weder die Tragödie im Nah Ost noch den Juden verstehen. Und weil Zionismus weder Faschismus noch Nationalismus ist, kann man sonst nicht begreifen, dass im Grunde alle, sowohl Juden als nicht Juden, Zionisten sind, die das Existenzrecht Israels anerkennen. Deshalb ist manch einer ratlos und verwirrt, wenn er Zionisten sowohl in dem linken als auch im rechten politischen Spektrum finden.
Das Problem ist, dass sich heute Judentum und Zionismus sehr schwer von einander trennen lassen. Nichtsdestotrotz sind Judentum und Zionismus selbstverständlich auch nicht das Gleiche und es wäre deshalb ein großer Fehler Antizionismus mit Antisemitismus zu verwechseln. Bemerkenswert ist an dieser Stelle, dass ein kleiner Teil der ultraorthodoxen Juden Antizionisten sind. Nach ihrer Ansicht wird nach der Wiederkunft des jüdischen Messias ein neues Israel als „ein Königreich“ ohne menschliches Zutun und ohne Waffengewalt entstehen, „dessen Grundlage der göttliche Dienst sein wird“ (Siehe hier und hier).
Die Diskussion über Zionismus und Judentum ist extrem komplex und für die Juden insbesondere ein überlebensnotwendiges Thema. Es ist aber nicht der Zweck dieses Briefes, dies zu erörtern und noch viel weniger das Problem zu lösen, denn nicht einmal die Juden haben sich bis heute auf eine eindeutige Antwort auf diese Frage geeinigt. Was wir als Friedensbewegung trotzdem wissen müssen, ist es, dass es den heutigen Staat Israels ohne den Zionismus trotz Nationalsozialismus und Holocaust nicht geben würde. Mehr noch, ohne den Ersten Welt Krieg und das Abkommen zwischen dem Zionismus und England von 1917 (die Balfour-Deklaration) gäbe es keinen Staat Israel. Aber diese Diskussion sprengt den Rahmen dieses Briefes. Jedenfalls ist für uns wichtig zu wissen, dass der Zionismus die Hand, die die Grenzen des zukünftigen Staates Israel gezeichnet hat, sehr stark beeinflusst hat. Wie man auf diese Karte http://tomhull.com/ocston/projects/ajvp/passia_land_1947_c1.gif feststellen kann, stimmen die Grenzen der UN Partition Palästinas von 1947 und die jüdische Siedlungen fast überein. Offensichtlich waren die zionistischen Siedlungen die Vorlage, welche die UN benutzt hat, um die Grenzen des Staates Israels festzulegen. Man darf weder aus den Augen verlieren, dass diese Siedlungen vorwiegend zwischen 1906 und 1947 durch die zionistische Bewegung entstanden sind, noch dass der Nationalsozialismus die jüdische Siedlungen in Palästina nicht verursacht hat (wenn er das Thema auch indirekt forciert hat).
Die erfolgreiche Geschichte des Zionismus, die mit Theodor Herzl angefangen hat, verdankt man nicht nur der klugen Politik der Zionisten, sondern auch der langen antisemitischen Tradition der christlich-westlichen Kultur und es wäre ein Fehler, wenn man alles auf den Holocaust reduzieren würde. Der Holocaust andersherum ist auch nicht allein Schuld der Deutschen – obwohl sie ja allein den Holocaust ausgeführt haben – sondern auch der christlich-westlichen Kultur. Das hat die Welt klar begriffen, als die UN 1947 die Partition Palästinas beschlossen hat. Schade nur, dass die Welt die Sünden der christlich-westlichen Kultur allein zulasten der arabischen Völker und insbesondere der Palästinenser beglich.

4. Die Schuld der Deutschen

Der heutige Zionismus hat so wenig gemeinsam mit dem ursprünglichen Zionismus von Theodor Herzl wie der Kommunismus von Stalin mit dem Kommunismus von Marx. Es ist zwingende Aufgabe der Zionisten auf die Ideale von Theodor Herzl zurück zu zugreifen, wenn sie das Judentum und Israel, aus der Sackgasse in der sie sich befinden, herausführen wollen.
Im Gegensatz dazu, haben die Deutsche ihre Hausaufgabe gemacht und sie machen sie täglich noch. Kein anderes Volk hat seine eigene Rolle beim Holocaust so gründlich erforscht, seine eigene Verbrechen so ehrlich anerkannt und bis heute seine eigene Taten so tief bereut wie das Deutsche, und es bezahlt immer noch für seine Schuld. Die anderen Völker dagegen profitieren unbeeindruckt weiter davon. Sie haben kaum ihre eigene Rolle und eigene Schuld hinterfragt. Wenn man heute durch West Europa reist, findet man oft auf den Straßen Denkmale, die an die Verbrechen der Deutschen erinnern, aber auch Denkmale, die die zweifelhaften Taten glorifizieren, die diese Völker verübt haben, als sie Kolonialmächte waren. Man findet aber selten selbstkritische Denkmale ­– wie man es in Deutschland gewöhnt ist, sie überall auf den Strassen zu finden – in der sie ihre Mitschuld für den Holocaust anerkennen.

5. Die Schuld der christlich-westliche Kultur

Zusammenfassend muss man feststellen, dass die deutsche Schuld gegenüber dem jüdischen Volk wegen des Holocaust ein Thema ist, das man nicht getrennt von der Schuld der christlichen Kirchen und der größten europäischen Mächte betrachten kann. Leider verharrt die Welt noch mit dem Zeigefinger auf die Deutsche zeigend, immer wenn der Holocaust thematisiert wird. Für die Welt es ist so, als wären eure Vorfahren die einzige schuldig gewesen und ihr, ihre Nachfolger, genetisch verdammt solche Verbrechen unter Umstände, zu wiederholen.

6. Die Schuld der Zionisten

Aber es sind nicht nur die Mittäter, die von den von Deutschen verübten Verbrechen politisch profitieren. Auch die überlebenden jüdischen Opfer und ihre Nachfahren profitieren davon. Hiermit meine ich nicht alle jüdischen Opfer oder ihre Nachfahren (denn sie leiden eigentlich darunter), sondern die zionistische Führung des jüdischen Volkes – angefangen mit Ben Gurion – weil sie bewusst das Schuldgefühl der christlich-westlichen Kultur unverschämt ausgenutzt haben und heute immer noch ausnutzen, um ihre politischen Ziele durchzusetzen. Waren es am Anfang legitime Ziele, wie die Gründung Israels, um das Leben und Überleben des Volkes Israel zu sichern, so sind es heute imperialistische Zwecke wie die Ausweitung Israels im Namen Gottes (für die orthodoxen Juden) oder nach wie vor immer noch in Namen der Sicherheit (für die rechtsorientierten jüdischen Laien).

7. Fazit

Es ist traurig, aber man kann weder erwarten, 2000 Jahre Antisemitismus in 70 Jahre verschwinden zu lassen, noch dass die Weltgemeinde in nur 70 Jahre die Schuld der Deutschen wegen des Holocaust sachlich beurteilt, besonders wenn die anderen Mitschuldigen alles machen, um die eigene Schuld weiter zu kaschieren und nur die Deutsche dafür verantwortlich zu machen.
Dass die israelische politische Führung ihr Volk mit der Tragödie des Holocausts manipuliert, habe ich schon w. o. erwähnt. Aber auch die deutsche politische Führung macht das Gleiche mit dem deutschen Volk. Sie lässt die Deutschen die Schuld seiner Vorfahrer weitertragen, weil sie der deutschen Eliten für ihre imperialistische Zwecke nutzt.
Deshalb sollte man, gerade wenn man wirklich kein Antisemit ist, kein schlechtes Gewisse haben, Israel harsch in Öffentlichkeit zu kritisieren, weil die Geschichte Israels klar zeigt, dass es heute nicht nach Frieden strebt, sondern nach ganz Palästina ohne Palästinenser. Wenn man trotzdem vorsichtigerweise Israel nicht kritisiert, um nicht kritisiert zu werden, riskiert man morgen die Schuld an der Ausrottung des palästinensischen Volkes mitzutragen und/oder der Mitauslöser von einem unkontrollierbaren Krieg in Nah Ost gewesen zu sein.

Daniel Silberman
Aachen, 1. August 2014

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