Electrabel will das AKW Tihange (Belgien) wieder anschalten!?!

14. November 2014 | Veröffentlicht von Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie / ws

Interner Streit zwischen Atomaufsicht und AKW-Betreiber?

Bisher handelten die belgische Atomaufsichtsbehörde (FANC) und der AKW-Betreiber Electrabel wie ein monolithischer Block. Aber mittlerweile zeigen sich interne Spannungen. Nur so lässt sich erklären, was die FANC auf ihrer Seite schreibt (Hervorhebung durch den Autor):

„Following the announcement of GDF Suez that „it hopes to submit a dossier to FANC in late autumn in order to obtain permission for a restart of Doel 3 and Tihange 2“, FANC and its technical subsidiary Bel V have outlined a two-step review process. The Regulatory Body (FANC and Bel V) will first review the relevance of the methodology proposed by the licensee. Depending on the conclusions of this first review, the Regulatory Body will then communicate to the licensee whether its safety case report (for the restart of both Doel 3 and Tihange 2 units) is eligible for review.

Zur Vorgeschichte

In den AKW-Reaktoren Doel-3 und Tihange-2 wurden im Januar 2012 bei Untersuchungen tausende Risse in den Reaktordruckbehältern gefunden. Experten konnten weder über den Ursprung noch über die Sicherheitsauswirkungen belastbare Aussagen treffen.
Deshalb gab es einen längeren Stillstand beider Reaktoren. In dieser Zeit führte Electrabel diverse Untersuchungen durch. Nach deren Abschluss wurden diese durch eine „Internationale Expertenkommission“, einberufen durch die FANC, bewertet. In deren Abschlussbericht gab es schließlich grünes Licht für das Wiederanschalten der Reaktoren, was dann trotz diverser Proteste im Juni 2013 auch geschah.
Während die Reaktoren wieder liefen, führte Electrabel einen ersten Materialtest durch. Offenbar war dessen Ergebnis so erschreckend, dass es dann im März diesen Jahres erneut zu einer ungeplanten Abschaltung beider Reaktoren kam, die bis heute andauert!

Zu den aktuellen Materialtests

Electrabel hat mittlerweile weitere Materialtests durchgeführt, um die Auswirkungen der tausenden Risse auf die Stabilität der Reaktordruckbehälter bewerten zu können. Und Electrabel glaubt, Ergebnisse der Tests vorlegen zu können, die ein Wiederanfahren ermöglichen.

Sie verbreiten entsprechende optimus-heischende Meldungen, gleichzeitig ist aber deutlich sichtbar, dass das mehr dem Pfeifen im Wald als realen Hoffnungen enntspricht. (Siehe hierzu den Artikel aus dem Grenzecho)
Die FANC hat erneut eine Internationale Expertenkommission einberufen, um die Ergebnisse dieser Materialtests zu bewerten.

FANC hält die Kompetenz von Electrabel für fragwürdig

Die FANC ist aber mittlerweile offenkundig extrem misstrauisch bzgl. der Kompetenz von Electrabel, so dass sie öffentlich anzweifelt, ob die von Electrabel verwendeten Methoden überhaupt [wissenschaftlich] valide sind. Anders ist nicht zu erklären, weshalb die Ergebnisse von Electrabel erst intern geprüft werden, bevor man sie den eigens dafür bestellten internationalen Wissenschaftlern präsentiert. Eine schlimmere Ohrfeige ist unter Ingenieuren kaum möglich!
Fast schon süffisant ist im FANC-Text dabei die Anmerkung, dass Electrabel „hoffe“, nach diesen Tests beide AKWs wieder anfahren zu können. „Das Prinzip Hoffnung scheint bei Electrabel Methode zu sein; man hofft wieder anzufahren, man hofft, dass man den Ursprung der Risse kennt, man hofft, dass der Reaktordruckbehälter hält. Offensichtlich fehlt es Electrabel an der nötigen Professionalität, eine solche Risikotechnologie sicher betreiben zu können.“, so Walter Schumacher vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie.

Als die ersten Testergebnisse im März 2014 bekannt wurden, waren diese, wie oben bereits erwähnt, offenbar so katastrophal, dass beide AKWs ungeplant und sofort abgeschaltet werden mussten. Im Gegensatz zu den Erwartungen der FANC und Electrabel entsprachen die Untersuchungsergebnisse jedoch weitestgehend den Voraussagen einer Konferenz, die vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie im Januar 2014 vorausgesagt worden waren.

Früher mal vertraute die FANC der Electrabel

Ursprünglich hatte sich die FANC auf Aussagen von Electrabel verlassen und deshalb – trotz erheblicher offenen Fragen – die beiden AKWs im April 2013 nach längerem Stillstand wieder angeschaltet.
Seit der Schnellabschaltung im März diesen Jahres und dem heftigen Druck seitens der AKW-Gegner scheinen die Widersprüche zwischen FANC und Electrabel gewachsen zu sein.

FANC verweigert weiterhin unabhängigen Experten

Rückblickend hat die FANC schlechte Erfahrungen mit ihren früheren Experten (denjenigen von 2012/13) gemacht, da diese eine falschen Sicherheitsbewertungen der Risse vorgenommen hatten. Trotzdem hat sie auch in der jetzigen Expertenkommission (zur Bewertung der Materialtests) schon wieder nur solche Experten berufen, die in einem Abhängigkeitsverhältnis zur Atomindustrie stehen und nicht Experten, die wirklich unabhängig sind.

Arroganz oder Dummheit?

Seit April gibt es eine scharfe Kontroverse zwischen der FANC und den Aachener AKW-Gegnern um die eingeforderte Einberufung unabhängiger Experten. Jetzt hat die FANC den AKW-Gegnern in einem offiziellen Schreiben mitgeteilt, dass sie die weitere Kommunikation um diese Frage beendet wissen möchte, sie wird auf Anfragen nicht mehr reagieren.

„We think that we have made our point clear and consider this discussion closed. We will no longer reply to any e-mails or letters urging us to review the composition of the expert group.
Yours sincerely…“

Die AKW-Gegner akzeptieren diese Ankündigung nicht und werden weiterhin darauf beharren, mit der FANC in Kommunikation zu bleiben.

Artikel weiterempfehlen: