Jahrelange Täuschung über die Größe der Risse im AKW

28. Mai 2015 | Veröffentlicht von Aktionsbündnis gegen Atomenergie Aachen / ws

Belgische Atomaufsicht täuschte Öffentlichkeit im Fall der Risse in Doel 3 und Tihange 2 über Jahre

Doel-Risse-2012

Quelle: FANC (1)

Das Aktionsbündnis gegen Atomenergie Aachen (AAA) hat aufgedeckt, dass die Belgische Atomaufsicht FANC bereits spätestens seit Dezember 2012 im Besitz von Unterlagen ist, die eine Rissgröße von bis zu 6,9 cm dokumentieren. Die FANC selbst sprach aber damals immer nur von Rissgrößen bis maximal 2,5 cm.Im Januar 2013 veröffentlichte die FANC Unterlagen und teilte dort für Doel 3 maximale Risslängen von 20 bis 25 mm (2) und für Tihange eine maximale Risslänge von 24 mm (3) mit. Wohlwissend um die Täuschung (siehe Grafik), schränkte man die Informationen für Doel 3 mit dem Hinweis ein, dass einige sogar größer als 20 bis 25 mm sind. Was man jedoch verschwieg, war die maximale Rissgröße von 69 mm und dass es sich um hunderte Risse handelte die 20 bis 25 mm überschritten. Jörg Schellenberg vom Aachener Aktionsbündnis kommentiert dies wie folgt: ‚Bei Doel war es „nur“ eine bewusste Täuschung der Öffentlichkeit aber bei Tihange eine glatte Lüge!’

Verräterische Tabellen

Tihange-Risse-2012

Quelle: FANC (1)

Doel-Risse-2012

Quelle: FANC (1)

…   Bei einer erneuten Durchsicht der Unterlagen aus dem Jahr 2012 stieß das AAA auf eine Grafik die die maximale Rissgröße über den Querschnitt des Druckbehälters darstellt. Die LeserInnen mögen das in den hier abgebildeten Tabellen bitte selber nachvollziehen (senkrechte Achse stellt die Rissgröße dar, waagrechte Achse ist die Tiefe der Fundstellen im Metall) (1). Hier sind für Doel 3 eindeutig Rissgrößen von bis zu 69 mm und für Tihange von bis 39 mm sichtbar.

Bei Bewertungen zur Sicherheit eines Druckbehälters müssen immer die schwächsten Stellen berücksichtigt werden und hier ist zu vermuten, dass dies eben genau die Stellen mit den größten Rissen sind. Insofern wurde nicht nur die Öffentlichkeit getäuscht sondern auch die kritische Wissenschaftswelt daran gehindert, die Situation richtig zu bewerten.
Dr. Ilse Tweer, renommierte Materialwissenschaftlerin und seit Jahren mit dem Fall befasst, ordnet die Relevanz der maximalen Rissgröße wie folgt ein: „Bei Bewertungen zur Sicherheit eines Reaktordruckbehälters müssen immer die schwächsten Stellen berücksichtigt werden und dazu gehören sicher die Bereiche mit den größten Fehlstellen. Insofern wurde durch die Formulierung der FANC nicht nur die Öffentlichkeit getäuscht, sondern auch die kritische Wissenschaftswelt daran gehindert, die Situation richtig zu bewerten.“
Auch wenn heute Rissgrößen von fast 18 cm bekannt sind, wirft diese Täuschung durch die FANC Frage auf: Wie zuverlässig sind die Informationen der FANC überhaupt? Was wird heute verschwiegen und beschönigt? In welcher Gefahr leben die Menschen in der Nähe dieser beiden Reaktoren wirklich? Welche Konsequenzen zieht die Politik aus dieser bewussten Täuschung?

Eine Geschichte von Täuschung und Salamitaktik

Die Geschichte der Täuschungen um die defekten AKWs ist schon bisher unglaublich.

  • 2012 wird öffentlich gemacht, dass tausende Risse in den RDB der beiden AKWs vorhanden sind („gefunden“ worden ist möglicherweise ein falsches Verb, weil das ja nur gelten könnte, wenn diese nicht schon längst [intern] bekanntgewesen waren)  Es werden erstmals konkrete Angaben zu Anzahl und Lage der Risse gemacht und die maximalen Dimensionen der Risse als  „bis zu 2,6 cm“ genannt. (Siehe Tabelle 1)
  • 2/2015 wird die Anzahl der gefundenen Risse um mehr als 60% erhöht (Begründung: „neue Messmethoden“). Mit dieser Veröffentlichung wird auch so ganz nebenbei die Information transportiert, dass auch die Rissdimensionen sich von max. 2,6 auf 6,9 cm erhöht hätten.
  • kurz danach (ebenfalls 3/2015) erfährt das AAA im direkten Kontakt mit der FANC, dass die Rissdimensionen NOCHMALS größer seien, nämlich bis zu 17,9 cm!!!
  • Trotz dieser unglaublichen Rissgrößen (sie sind mittlerweile mehr als Handteller groß und dick: man könnte also gut eine Hand dort unterbringen) gibt es Ankündigungen, dass diese schwer geschädigten Reaktoren trotzdem in 7/2015 wieder angeschaltet werden sollen. (Siehe kraz-Artikel zu Expertenkommission und Wiederanschalten)
  • 5/2015 erfährt dann die Öffentlichkeit auf der Webseite der FANC/Electrabel, dass das Wiederanschalten zumindest bis November 2015 verschoben wird (siehe kraz-Artikel).

Psychologie in der Politik

Die MacherInnen im AAA haben sich natürlich gefragt, wie sie selber damals so eine spektakuläre Information übersehen konnten. Es ist ein simples aber lehrreiches Beispiel für politische Psychologie: Als FANC die Rissgrößen von „bis zu 2,6 cm“ mitteilte, war das so spektakulär, so überraschen, dass sich niemand vorstellen konnte, dass die FANC auch noch so verwegen sein könnte, im GLEICHEN Bericht noch 2,5-fach größere Risse zu dokumentieren, dies dann aber nicht zu benennen!

Schrottreaktoren endgültig stilllegen

Das AAA fordert die FANC auf, diesen Widerspruch umgehend aufzuklären. Die FANC muss erläutern, wieso sie im Besitz von Tabellen mit Werten von 69 mm ist, gleichzeitig aber von den kleineren Rissen gesprochen hat.
Eigentlich steht die FANC vor einem Offenbarungseid. Sie hat gelogen, sie versucht mit einer Salamitaktik der Öffentlichkeit peu á peu immer schlimmer Rissgrößen und Risszahlen zu verkaufen. Sie ist jetzt erwischt worden und sollte öffentlich erklären, dass DIESE beiden AKWs Tihange-2 und Doel-3 nie wieder angeschaltet werden!

  • (1) 05.12.2012 – Electrabel – Safety case report: Tihange 2 – Reactor Pressure Vessel Assessment, Seite 54 – http://fanc.fgov.be/GED/00000000/3300/3389.pdf
  • (2) 30.01.2013 – FANC – Doel 3 and Tihange 2 reactor pressure vessels: Provisional evaluation report, Seite 23: „…with some even exceeding 20-25 mm…“ – http://fanc.fgov.be/GED/00000000/3300/3391.pdf
  • (3) 30.01.2013 – FANC – Doel 3 and Tihange 2 reactor pressure vessels: Provisional evaluation report, Seite 24: „Regarding the flaw dimensions, flaws up to 24 mm large have been observed.“ – http://fanc.fgov.be/GED/00000000/3300/3391.pdf
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