Kampf um den Erhalt vom Hambacher Forst

20. September 2016 | Veröffentlicht von Michael Zobel / ws

Ein Appell von einem Waldführer im Hambacher Forst

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mit Datum vom 6. September habe ich meinen Appell zur Rettung des Hambacher Forstes an viele Adressaten bei RWE geschickt. Und eine knappe Woche später an Sie, an die Presse und an viele andere Menschen. Nun kam am 12. September die Antwort von RWE, eine Mail von Herrn M. Eyl-Vetter, Leiter der Sparte Tagebauplanung und Umweltschutz des Energieversorgers. Und weil schon bisher das Echo auf meinen Appell so  groß war, möchte ich Ihnen den Text der RWE-Antwort nicht vorenthalten. Denn ich halte ihn für bemerkenswert.

hambachforst-axel-9Bemerkenswert aus mehreren Gründen:

  • er beinhaltet keinerlei neue Erkenntnisse, keinerlei inhaltliche Auseinandersetzung mit meinem Brief, keinerlei Eingehen auf meine Forderungen
  • an einer Stelle schreibt Herr Eyl-Vetter „ich gehe jetzt auf Ihre Forderungen ein“. Und dann folgen vier Absätze aus altbekannten RWE-Textbausteinen, die sich mit meinen Forderungen und Vorschlägen in keinster Weise beschäftigen.
  • seit ein paar Tagen hängen in NRW die Großplakate von innogy an exponierten Stellen. Da ist zu lesen „Rheinland wird Reinland“ – Energie wird innogy.
  • Ja genau, damit ist doch ganz klar unsere Ansicht bestätigt, NRW ist im Moment alles andere als ein „Reinland“, ganz im Gegenteil. Jetzt wäre es doch an der Zeit, ein wirklich glaubwürdiges Zeichen zu setzen, dass mehr als trendige Werbung hinter der RWE-Zukunft steckt.
  • der Erhalt des Hambacher Waldes wäre ein solches Zeichen, aber die Möglichkeit wird im Brief nicht einmal erwähnt, wird in keinster Weise kommentiert.
  • stattdessen wird mit der Betriebsgenehmigung von 1975 (!) argumentiert. 41Jahre alt! Als wenn sich die Welt seitdem nicht verändert hätte.
  • ich halte das Antwortschreiben von RWE auf meinen Appell für sehr dürftig,desillusionierend und eines Konzerns mit dieser Bedeutung für unwürdig.

hambachforst-axel-8Ich möchte gerne die Diskussion weiter führen, so wie gestern auf dem Waldspaziergang im Hambacher Wald. Erneut waren 125 Menschen dabei. hambachforst-axel-2Wir nähern uns der Zahl von 4000 Besuchern, es häufen sich die Anfragen von Schulklassen, Lehrerkollegien, Hochschulinstituten. Und am 23. Oktober wird der Hambacher Wald vielleicht die größte Führung seiner Geschichte erleben, mitten in der Rodungssaison wollen wir ein Zeichen setzten, dass viele Menschen mit diesem IrRWEg nicht länger einverstanden sind und sich für ein Umdenken einsetzen.

hambachforst-axel-12hambachforst-axel-10hambachforst-axel-7Die Presse und alle interessierten Menschen sind natürlich erneut zu dieser Führung eingeladen. Ich will die Hoffnung und die Überzeugung nicht aufgeben, dass der Hambacher Wald noch zu retten ist. Zum Wohle unserer Kinder. Danke Allen, die dabei helfen,

Michael Zobel (Naturführer und Waldpädagoge aus Aachen)

— Hier der Brief an RWE (Überschriften durch die kraz-Redaktion) —

                                                                                          Aachen, den 6. September 2016

Betrifft: Appell an RWE und die Politik – Rettet den Rest des Hambacher Waldes

Sehr geehrter Herr Terium, sehr geehrte Damen und Herren bei RWE, der RWE Power AG, der RWE Generation SE,,

vor fast 40 Jahren startete der Braunkohle-Tagebau Hambach. Damals, in Zeiten von Öl- und Energiekrise fast ohne kontroverse Diskussionen, die Notwendigkeit der Nutzung der knappen einheimischen Ressourcen wurde von fast allen Menschen so hingenommen, der Verlust von Natur, Kultur, Heimat wurde als unausweichlich akzeptiert.

Der größte zusammenhängende Wald des Rheinlandes gerodet

Im Zuge des Tagebaus Hambach wird seitdem der größte zusammenhängende Wald des Rheinlandes gerodet. Von ehemals knapp 6000 Hektar sind 90% verschwunden. Und der verbliebene Rest soll in den kommenden Jahren genauso vernichtet werden. Die nächste „Rodungssaison“ steht bevor, geht alles nach Plan, werden von Oktober 2016 bis Februar 2017 erneut etwa 80 Hektar dieses phantastischen Waldes verschwinden.
Die Leistungen von einstmals Rheinbraun und nun von RWE im Zusammenhang mit Rekultivierung sind unbestritten und im Weltmaßstab führend. Trotzdem lässt sich ein Wald und vor allem eine Bodenstruktur, die seit der letzten Eiszeit, also seit etwa 12000 Jahren, gewachsen sind und sich entwickeln konnten, nicht so einfach ersetzen.

Es hat sich viel geändert – auch für Sie!

Nun sind wir im Jahre 2016. Fast alle Gegebenheiten, die in den 70er Jahren unser Leben bestimmten, haben sich komplett verändert. Industrie, Mobilität, Automatisierung, Vernetzung, Datenverarbeitung, die Entwicklungen sind in fast allen relevanten Bereichen rasant. Viele Industriezweige gibt es nicht mehr, der Wirtschaftsstandort Deutschland existiert aber immer noch. Nicht zuletzt wegen des unglaublichen Potentials an Ingenieurleistungen, Erfindergeist, Mut zu Innovationen.
Gerade findet diese Revolution im Bereich Energie/Energieerzeugung statt. Auch RWE hat die Zeichen der Zeit offensichtlich erkannt. Die neue Firma innogy ist in der Startphase, es läuft eine gigantische Werbe-Kampagne, kreativ und modern gestaltet von Scholz&Friends aus Berlin. Und noch in 2016 geht es an die Börse. RWE setzt mit innogy auf erneuerbare Energien, „zum Wohle unserer Kinder“, wie es in einem Spot heißt.

Trotzdem immer weiter wie bisher?

Nichtsdestotrotz wandert der Tagebau Hambach weiter nach Südosten. Langsam und unaufhaltbar? Steht man an den offiziellen Aussichtspunkten rund um den Tagebau, sieht man nicht nur das gigantische Loch, 50 Quadratkilometer groß, im Moment mehr als 400m tief, Richtung Süden werden es in den kommenden Jahren knapp 500m.
Was man auch sieht, ist die Tagebaukante Richtung Südwesten, darauf den Rest des einstmals stolzen Hambacher Waldes. Dazu große gerodete Flächen im Tagebauvorfeld, die Bagger, die Fließbänder, die Absetzer. Und man kann erkennen, dass eine Förderung von Braunkohle auch in den kommenden Jahren im Vorfeld möglich sein müsste, ohne den letzten Rest dieses Waldes zerstören zu müssen. Vor allem im südwestlichen Teil sind die Tagebauvorfelder so groß, dass sie für eine mehrjährige Kohleförderung ausreichen werden. In den kommenden Jahren werden mehr und mehr Kohlekraftwerke abgeschaltet, der Anteil erneuerbarer Energien steigt rasant. Dadurch werden die notwendigen Förderkapazitäten kleiner.
Der Hambacher Wald, auch der verbliebene Rest, ist in seiner Zusammensetzung einmalig, die Botaniker und Forstleute sprechen von einem Stieleichen-Hainbuchen-Maiglöckchen-Wald, in dieser Zusammensetzung einzigartig in Europa.  Ein schützenswerter Wald, der unter die Flora-Fauna-Habitat Richtlinie fällt. Natura 2000 Code 9160.

Als Naturführer und Waldpädagoge biete ich zusätzlich zu meinem sonstigen Programm seit zweieinhalb Jahren monatliche Führungen im Rest des Hambacher Waldes an. Dazu kommen vermehrt private Buchungen von Betrieben, Lehrerkollegien, Schulklassen, kirchlichen Einrichtungen, Naturschutzverbänden, Hochschulinstituten. All diese Menschen wollen sich ein Bild machen, was hier zwischen Aachen und Köln passiert. Mehr als 3600 Menschen jeglicher Herkunft und jeden Alters waren bisher dabei, von Kindern und jugendlichen Umweltaktivisten bis zu sehr alten Menschen und RWE-Mitarbeitern. Der 18. September ist der nächste Termin. Auf den Führungen geht es mir darum, Bilder zu zeigen und Gespräche in Gang zu bringen, die es ansonsten nicht gäbe.

Es wird enger für RWE

Inzwischen gibt es ein sehr großes Presseecho, von den Aachener und Kölner Zeitungen bis zu ARD, ZDF, arte und dem belgischen Rundfunk, das Interesse wird immer größer.
Die Themen Energieerzeugung, Energiewende, Klimawandel, Dekarbonisierung, Lebensgrundlagen auf der Welt, Nachhaltigkeit prägen die tägliche Berichterstattung.
Es gibt positive Zeichen: Das gerade zu Ende gegangene Klimacamp in Erkelenz ist friedlich verlaufen. Die Polizei setzt rund um die Tagebaue auf Deeskalation. Vertreter der Gewerkschaft IGBCE und Braunkohlegegner suchen das Gespräch. „Runde Tische“ haben im Landtag NRW stattgefunden. Es existiert ein breites Bündnis quer durch die Gesellschaft, das ernsthaft Gespräche mit RWE zu einer Befriedung der Auseinandersetzungen rund um die Braunkohle sucht.

Wo bleiben Ihre Signale?

Doch wo bleiben ähnliche Signale seitens der RWE Power AG, der RWE Generation SE, wo bleibt das Umdenken bei RWE? Deshalb hier mein Appell:

Werte Verantwortliche bei RWE: Ich fordere nicht den sofortigen Stopp der Braunkohleförderung im Tagebau Hambach. Aber, geben Sie sich einen Ruck, setzen Sie ein Zeichen! Stoppen Sie  die Rodungssaison 2016/2017 im Hambacher Wald

  • Nehmen Sie die Trasse der alten A4 als „Rote Linie“ und erhalten Sie die Reste des einstmals stolzen Waldes südlich dieser Linie.
  • Planen Sie den Kohleabbau im Tagebau Hambach so um, dass in diesem und den kommenden Jahren Braunkohleförderung möglich ist, ohne die verbliebenen 10% des Hambacher Waldes unwiederbringlich vernichten zu müssen
  • Nutzen Sie diesen Schritt für die Entwicklung von innovativen Ideen. Ideen, wie der Hambacher Wald vielleicht erhalten werden kann. Für uns und unsere Kinder. Als Ausgangspunkt für neue Rekultivierungsverfahren. Als Zeichen an die Welt. Als glaubwürdiges Zeichen, wie ernst das Umdenken im Konzern gemeint ist. Als Modell für vergleichbare Regionen weltweit. Das alles wäre vielleicht noch bessere Werbung als eine teure Kampagne von renommierten Werbeagenturen.
  • Setzen Sie sich zusammen mit Umweltverbänden, Politikern, Gewerkschaften, Planern, Kirchen. Und entwickeln Sie gemeinsam einen zukunftsfähigen Plan, wie es nach Ende der Braunkohletagebaue im Rheinischen Revier weitergehen soll, zum Wohle der Menschen hier vor Ort, aber auch der Menschen und der Lebensgrundlagen weltweit.
  • Stoppen Sie die Umsiedlungen und nehmen Sie sich Zeit, die ökonomischen, ökologischen und nachhaltigen Aspekte für die Notwendigkeit der weiteren Kohleförderung neu zu berechnen.
  • Helfen Sie mit, den Hambacher Wald zu retten!

Mit freundlichen Grüßen, Michael Zobel, Naturführer und Waldpädagoge aus Aachen

— Hier der Brief von RWE —

Sehr geehrter Herr Zobel,
Sie haben in der vergangenen Woche eine Vielzahl von Mitarbeitern und Führungskräften des RWE Konzerns in Bezug auf den Hambacher Forst angeschrieben. Da wir diesbezüglich ja bereits im Dialog stehen und ich bei RWE Power für die Tagebauentwicklung verantwortlich bin, möchte ich Ihnen stellvertretend für die mehr als 30 RWE-Adressaten Ihres Verteilers antworten.
Ich möchte vorausschicken, dass wir Ihre Ansichten zur Braunkohle respektieren. Es ist gut, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der man miteinander reden und argumentieren kann. Friedlich und gewaltfrei, ohne Gefahr zu laufen, körperlich bedroht oder attackiert zu werden. Das ist unser Verständnis.
Gleichwohl teilen wir Ihre Sicht der Dinge nicht. Wir sind davon überzeugt, dass der heimische Energieträger Braunkohle auch in Zukunft eine wichtige Rolle in der Energiewende spielen wird.  
Nachfolgend möchte ich kurz auf Ihre Forderungen eingehen:

1)    Die Waldbilanz des Tagebaus ist positiv
Vom ursprünglichen Hambacher Forst werden zum einen die Manheimer Steinheide (knapp 200 ha) im Südosten des Abbaufelds sowie der Lindenberger Wald und seine südliche Verlängerung stehenbleiben; letzterer schließt im Westen an die komplett aufgeforstete Außenkippe Sophienhöhe und die unmittelbar angrenzende Innenkippe des Tagebaus an. Die weiter wachsenden Rekultivierungsflächen umfassen bereits heute knapp 1.500 Hektar. Dort haben wir deutlich über 10 Millionen Bäume neu gepflanzt. Die ältesten Bestände sind aus 1978. Das gesamte Waldgebiet aus Altwald und Rekultivierung ist schon heute ein überaus geschätztes Naherholungsgebiet mit mehr als 120 Kilometern Wanderwegen, das der ruhigen Naherholung dient. Der Artenreichtum des Gebiets ist anerkannt groß. Insgesamt werden am Ende der Laufzeit des Tagebaus über 3.500 Hektar ehemaliger Betriebsfläche wieder aufgeforstet sein.
Auf diese Weise hinterlässt der Braunkohlenbergbau im Rheinland dank der unter Fachleuten weltweit anerkannten Rekultivierung mehr Wald als er in Anspruch genommen hat.

2)    Die Braunkohlengewinnung steht im Einklang mit Gesetz und politischen Zielen
Grundlage der Braunkohlengewinnung im Abbaugebiet Hambach ist der unter Beteiligung der Öffentlichkeit 1975 aufgestellte Braunkohlenplan. Er wurde für das gesamte Abbaufeld genehmigt und ist für alle weiteren Genehmigungen (u.a. Braunkohlenpläne für Umsiedlungen sowie Rahmen-, Haupt-, Sonder- und Abschlussbetriebspläne) verbindlich. Die energiewirtschaftliche Notwendigkeit des Tagebaus Hambach wurde durch die Landesregierung darüber hinaus mit Zulassung der Genehmigungen für die Umsiedlungen der Ortschaften Manheim und Morschenich bekräftigt.
Auch die jüngste Leitentscheidung der NRW-Landesregierung hat die Abbaugrenzen des Tagebaus Hambach bestätigt. Sie hebt die langfristige Bedeutung der heimischen Braunkohle für eine sichere und bezahlbare Energieversorgung ebenso hervor wie für Wertschöpfung und Beschäftigung. Dass die Entwicklung der Braunkohle im Einklang steht mit den nordrhein-westfälischen und deutschen Klimaschutzzielen, wird ebenfalls belegt.

3)    RWE passt sich veränderten Rahmenbedingungen an
Dass die Braunkohleverstromung ihren Beitrag zur Energiewende und damit zum Klimaschutz leisten muss, ist für uns selbstverständlich. In den nächsten Jahrzehnten wird absehbar immer weniger konventionelle Erzeugung benötigt. Damit einher geht eine weitere deutliche Reduktion der CO2-Emissionen. Dafür haben wir einen aus unserer Sicht nachvollziehbaren, verlässlichen Fahrplan bis zur Mitte des Jahrhunderts entwickelt, den ein komplexes Gesamtsystem wie die Braunkohle braucht.

4)    Die Braunkohle trägt flexibel zur Integration der Erneuerbaren bei.
Es ist nicht nachvollziehbar, wenn mit dem Argument, die Mitarbeiter und die Region bräuchten endlich Planungssicherheit, immer neue Kohleausstiegsszenarien in die Diskussion gebracht werden. Das schafft gerade keine Sicherheit, sondern Verunsicherung. Hätten vor 10, 20 oder 30 Jahren Wetten auf die heutige Situation auf den Energiemärkten abgeben werden müssen, hätten vermutlich die meisten verloren. Jetzt wird so getan, als könne mit großer Genauigkeit prognostiziert werden, wie groß die Rolle der einzelnen konventionellen und erneuerbaren Energieträger 2040, 2045 oder 2050 sein wird.
Konventionelle Kraftwerke erzeugen Strom zu jeder Zeit in gewünschter Menge und mit gleichbleibend hoher Qualität. Sie garantieren damit die für einen Industriestaat unerlässliche Versorgungssicherheit. Gleichzeitig tragen sie mit ihrer gesicherten und flexiblen Leistung dazu bei, dass die erneuerbaren Energien mit ihrem stetig wachsenden Beitrag in das deutsche und europäische Stromnetz integriert werden können. Auf diese Weise sind sie für das Gelingen der Energiewende unverzichtbar.

Sie werden sicher keine Einwände haben, dass ich dieses Schreiben bei Bedarf öffentlich machen werde. Gerne stehe ich Ihnen für ein persönliches Gespräch zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen und Glückauf
Michael Eyll-Vetter, RWE Power Aktiengesellschaft, Sparte Tagebauentwicklung

—————————————————————- Irgendwann kommt jeder drauf! WWW.ENERGIEWELT.DE ———————————————————————————–Vorsitzender des Aufsichtsrates: Dr. Rolf Martin Schmitz Vorstand: Matthias Hartung (Vorsitzender), Dr. Lars Kulik, Roger Miesen, Dr. Frank Weigand, Erwin Winkel Sitz der Gesellschaft: Essen und Koeln Eingetragen beim Amtsgericht Essen Handelsregister-Nr. HRB 17420 Eingetragen beim Amtsgericht Koeln Handelsregister-Nr. HRB 117 USt-IdNr. DE 8112 23 345 St-Nr. 112/5717/1032

 

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