Lütticher Stadtrat fordert Abschaltung von Tihange und Doel

28. Februar 2018 | Veröffentlicht von Aktionsbündnis gegen Atomenergie / ws

Anti-Tihange-Front wird „belgischer“ !

Die Befürworter der Abschaltung des umstrittenen Pannenmeilers Tihange 2 im gleichnamigen Kernkraftwerk bei Lüttich haben einen neuen Mitstreiter gefunden.
Erstmals spricht sich eine belgische Stadt für die Abschaltung von Tihange aus. Die Stadt Lüttich macht sich jetzt „offiziell“ auch Sorgen um die Sicherheit des Atomkraftwerks in ihrer Nähe.
In ersten Reaktionen zeigten sich Experten in Deutschland und den Niederlanden überrascht. Dass eine Stadt wie Lüttich sich den deutschen und niederländischen Forderungen nach Abschaltung der maroden Reaktoren anschließe, sei ein deutliches Zeichen in Richtung Politik und anderer Kommunen in Belgien.
Zuvor haben sich schon die ebenfalls im Dreiländereck gelegenen Städte Aachen und Maastricht (Niederlande) für eine Abschaltung stark gemacht und sind einer entsprechenden Klage beigetreten.
Aber bislang war der Protest gegen die Kernkraftwerke in Belgien selbst deutlich  verhalten ausgefallen.

Als erste belgische Stadt fordert Lüttich: Abschaltung von Tihange

Fast einstimmig verabschiedete der Stadtrat von Lüttich eine Resolution, derzufolge der umstrittene Meiler Tihange 2 und der von den gleichen Problemen betroffene Reaktor Doel 3 bei Antwerpen abgeschaltet und stillgelegt werden sollen.
Bisher war die Anti-Tihange-Protestwelle vor allem im deutschen Grenzgebiet rund um Aachen sehr stark. Mit der Zeit wurde auch in den Niederlanden der Ruf nach einer sofortigen Stilllegung der Meiler Tihange 2 und Doel 3 immer lauter.
In Belgien verzögerte sich diese Entwicklung. Befürworter einer Abschaltung bestanden hier zum allergrößten Teil aus Grünen, Natur- und Umweltschützern, Pazifisten sowie traditionellen Atomkraftgegnern.
Aber seit der Menschenkette mit 50.000 TeilnehmerInnen im Juni 2018 hat sich das Blatt auch in Belgien geändert.

Was hat diesen Umschwung im Lütticher Stadtparlament bewirkt?
Der bekannte belgische Schauspieler Bouli Lanners hatte sich einen Katalog mit sehr kritischen Fragen zum Katastrophenschutz von Freunden aus dem Aachener Anti-Atombündnis besorgt. Diese hatten solche Fragen seinerzeit (2015/16) schon penetrant im Aachener Stadtrat gestellt, wobei es dort fast zum Aufruhr gekommen wäre.
Die Fragen beziehen sich sehr konkret auf Details von Katastrophenschutzszenarien. Deren „Nicht-Beantwortung durch die Behörden“ hat dann für JEDEN Beobachter bewiesen, dass es tatsächlich KEINEN Katastrophenschutz im Falle eines Super-GAU in Tihange gibt. Dieses völlige Versagen (und das vorherigen Lügen!) der Behörden hatte in Aachen starke Empörung hervorgerufen – und genau das Gleiche ist nun in Lüttich passiert!
Durch das konsequente Insistieren von Herrn Lanners auf Antworten kam es nun auch in Lüttich zuerst zum Eklat – und dann zu dem genannten Abstimmungsergebnis.

Der Risse-Reaktor Tihange – eine echte Gefahr!

In der vom Lütticher Stadtrat verabschiedeten Resolution wird u.a. darauf hingewiesen, dass es immer wieder Warnungen von unabhängigen Experten in Bezug auf die Gefahren einer Fortführung der Aktivitäten der Reaktoren Tihange 2 und Doel 3 gebe. Dass aber dagegen kein Schutz bestehe, obwohl die Wahrscheinlichkeit eines Reaktorunglücks, das über eine Million Menschen unmittelbar betreffe, „nicht zu unterschätzen“ sei.

Insbesondere der Reaktorblock Tihange 2 ist stark umstritten, weil bei Kontrollen tausende von Rissen (bis zu 17 cm Länge!!)  in den stählernen Reaktorummantelungen festgestellt wurden.

Insgesamt gilt: die belgischen Reaktoren wurden in den 70er und 80er Jahren gebaut und gelten als störanfällig. Zuletzt geriet auch noch der Block Tihange 1 verstärkt in die Kritik, da dort deutlich häufiger als „normal“, Notabschaltungen und andere Vorfälle registriert wurden. Solche Notabschaltungen erhöhen aber die Wahrscheinlichkeit für einen Kernschaden erheblich.

Hinweis für interessierte Nachahmer

Die beschriebene Fragenliste wird von Herrn Lanners auf französisch (vom Aachener Aktionsbündnis auf Deutsch!) gerne auch an andere AktivistInnen in anderen Städten weitergegeben.  Es müsste so doch möglich sein, immer mehr Städte in dn Kampf um die Abschaltung von Tihange und Doel einzubinden.

Hier noch ein link auf entsprechende französischsprachige Meldungen des RTBF:

und hier aus den Niederlanden