Meine Tante aus Fukushima

25. Februar 2014 | Veröffentlicht von Beate Gernhardt / ws

atomfilm-beatelautet der Titel eines Dokumentarfilms von Kyoto Miyake. Der Film erzählt in 73 Minuten am Beispiel ihrer wohlhabenden Tante die Geschichte der Bewohner des Nachbarstädtchens Namie – vor, während und nach der Katastrophe von Fukushima. Landschaftsbilder und Interviews geben Einblick in die örtlichen, zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten. Eingestreute Originalton-Werbefilme des Atomanlagen-Betreiber Tepko, wirken angesichts der andauernden Katastrophe besonders grotesk.

Miyakes Tante

Miyakes Tante war – wie fast alle Einwohner des Ortes Namie – eine bekennende Befürworterin von Atomkraft. Angefacht durch den Neid auf den steigenden Wohlstand der Bürger von Fukushima entstand auch bei den Bewohnern von Namie der Wunsch nach einem Atomkraftwerk. Klar war allen, dass die Begünstigungen in Fukushima durch Tepko finanziert wurden.
Die fünf Bewohner, die ihre Grundstücke nicht an Tepko verkaufen wollten, wurden von den Befürwortern übelst attackiert – ein für japanische Verhältnisse sehr unübliches Verhalten. Man parkte Leichenwagen direkt an ihren Häusern und bewarf ihre Häuser mit Kot.
Da Miyakes geschäftstüchtige Tante neben einer Konditorei und einem Festkleiderverleih auch ein Bestattungsinstitut in Namie betrieb, erhebt sich natürlich die Frage, ob die jetzt so betroffene Tante nicht zuvor aktiv in vorderster Front ihre/n Leichenwagen zur Demontage der  AtomkraftgegnerInnen von Namie zur Verfügung gestellt hat, oder gar eigenhändig dort platziert hat. Je nachdem wie man diese Frage beantwortet erscheint ihr exemplarisches Filmporträt aus Fukushima in anderem Licht. Habgier, der Wunsch nach Bereicherung aus niederen Beweggründen, gepaart mit Verantwortungslosigkeit und Dreistigkeit stehen einer unsäglichen, nicht endenden radioaktiven Verseuchung gegenüber, die als Dauer-Erblast weitergereicht wird an unzählige kommende Generationen.

Preview beim WDR

Im Anschluss an den Preview ihres Filmes am 23.Januar im Kölner Filmforum, berichtete die aus London angereiste Regisseurin von dem Schuldgefühl, welches die Bewohner dort und letztlich auch sie selbst umtreibt.

Kritischer Bericht?

Für KennerInnen des Atom-Themas gab es noch einen erstaunlichen Punkt an diesem Abend: Die Moderatorin Jutta Krug stellte im Film-Kontext völlig unbedarft ernsthaft die Frage nach der Möglichkeit einer Dekontamination von Fukushima!
Abgesehen davon, dass es eine Dekontamination von Landschaften kaum geben kann, tritt aus der havarierten Anlage noch heute unentwegt hochradioaktiv verseuchtes Wasser aus. Und nur ab und zu erfahren wir durch eine Kurzmeldung des öffentlichen Rundfunks davon.
Jutta Krugs abschließende Frage nach der Zukunft galt nicht etwa den betroffenen Landstrichen und ihren Bewohnern, sondern bezog sich einzig auf die persönliche Zukunft der Regisseurin selbst. Enttäuschend. Eine Chance wurde vertan, vor einem mit knapp 150 BesucherInnen halb gefülltem Saal, offen über die unabsehbaren Folgen einer größenwahnsinnigen Technik zu sprechen, die überall und sofort abgeschaltet werden muss.

WDR-Sendezeiten

Anlässlich des dritten Jahrestages der Katastrophe von Fukushima, sendet der WDR diesen Film am 6. März um 23.15 Uhr aus. Von einer  öffentlich rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalt dürfen wir einen besseren Sendetermin erwarten. Schließlich werden sie aus unseren Gebühren finanziert und sollten ihrem viel zitierten Bildungsauftrag auch nachkommen.Ein kritischerer Film zu Fukushima hätte ein wirklich guter Anlass sein können und sein müssen, dem Thema entsprechend, endlich angemessenere Sendezeiten einzufordern.

Artikel weiterempfehlen: