Oberhausener Preis-2014 für friedensethisch orientierte Pädagogik

16. September 2015 | Veröffentlicht von Aachener Friedenspreis / ws

„Kein Werben fürs Sterben“

unter diesem Motto ruft der Aachener Friedenspreis seit Jahren Schulen dazu auf, die Bundeswehr nicht für Werbeveranstaltungen einzuladen. In einer Zwischenbilanz sieht der Aachener Friedenspreis es als ein hoffnungsvolles Zeichen, dass nicht nur die Zahl der Schulen wächst, die bundesweit diesem Aufruf folgen, sondern auch die Institutionen, die diese Art von Engagement der Schulen zu würdigen wissen.

(Die Laudatio wurde am 16.10, die Dankesrede am 19.9. hinzugefügt)
„So freuen wir uns aktuell“, so der Aachener Friedenspreis, „ dass beispielsweise der Evangelische Kirchenkreis Oberhausen beschlossen hat, den Oberhausener Preis 2014 an die Willy-Brandt-Gesamtschule in Bochum für ihren besonderen Einsatz für den Frieden zu vergeben.“Damit soll vor allem der Einsatz der Schule für eine friedensethisch orientierte Pädagogik gewürdigt werden. Die Willy-Brandt-Gesamtschule hat sich konsequenterweise im Jahr 2013 zur  „Schule ohne Bundeswehr“ erklärt; das bedeutet, dass sie in ihren Räumlichkeiten keine Werbung für den Dienst an der Waffe zulässt.
Der Aachener Friedenspreis freut sich mit den Schülerinnen und Schülern, den Eltern und Lehrern über die Verleihung des Preises an ihre Schule in einer Zeit zunehmender Kriegsgefahren und bewaffneter Konflikte.

Im folgenden Grußwort gratuliert der Aachener Friedenspreis dem Preisträger und betont den Vorbildcharakter für andere Schulen und vor allem auch für die Jugend

Grußwort vom AFP an die Willy-Brandt-Gesamtschule Bochum anlässlich der Verleihung des Oberhausener Preises 2014

Liebe Schülerinnen und Schüler der Willy-Brandt-Gesamtschule,
sehr geehrte Lehrerinnen und Lehrer,

wir gratulieren Ihnen sehr herzlich zur Verleihung des Oberhausener Preises 2014 durch 
den Kreissynodalvorstand im Namen des Evangelischen Kirchenkreises Oberhausen für Ihr besonderes Engagement für Frieden, da Sie sich an Ihrer Schule in besonderer Weise für eine friedensethisch orientierte Pädagogik einsetzen und Ihre Schule im Jahr 2013 konsequenterweise zur „Schule ohne Bundeswehr“ erklärt haben und in Ihren Räumlichkeiten keine Werbung für den Dienst an der Waffe zulassen.

Wir freuen uns mit Ihnen über die Verleihung des Preises an Sie in einer Zeit zunehmender Kriegsgefahren und bewaffneter Konflikte.

Ihr Engagement für das friedliche Zusammenleben der Menschen ist daher besonders wichtig und Sie geben ein bedeutendes Zeichen für einen anderen Weg, für eine Konfliktlösung ohne Krieg und Gewalt. Das Vorbild, das Sie damit anderen Schulen und vor allem Jugendlichen geben, ist ein wichtiges, hoffnungsvolles Zeichen. Denn es ist die Jugend, die die Zukunft unserer Gesellschaft prägen und formen wird.

Wir freuen uns, dass es immer mehr Schulen gibt, die sich den einseitigen Informationen durch die Bundeswehr verweigern, nachdem wir 2013 Schulen mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet haben, weil sie ebenso wie Sie den Besuch der Bundeswehr an ihren Schulen verweigert haben.

Wir wünschen Ihnen für die Preisverleihung einen würdigen Rahmen und eine schöne Feierstunde.

Wir hoffen und wünschen Ihnen aber vor allem, dass Sie auch in der Zukunft Ihren mutigen Weg weitergehen und Ihre Kenntnisse und Erfahrungen zukünftigen SchülerInnengenerationen, an Eltern und LehrerInnen weitergeben können.

Mit freundlichen Grüßen
Vorstand Aachener Friedenspreis e.V.

Nachtrag am 19.9.2015

Am vergangenen Mittwoch wurde der Oberhausener Friedenspreis an die Willy-Brandt-Gesamtschule aus Bochum verliehen. Die Veranstaltung verlief in einem sehr harmonischen und feierlichen Rahmen. Der Preis wurde durch den Superintendenten der Evang. Kirchengemeinede in Oberhausen übergeben.
Unter den Gästen  war  u. a.. auch der stellvertretende Rektor der Bertha-von-Suttner-Gymnasiums Oberhausen. Er sprach sich in einem kurzen Redebeitrag ebenfalls für die „Schule ohne Bundeswehr“ aus.
In seiner Dankesrede erklärte Jochen Bauer, Lehrer an der mit dem Friedenspreis ausgezeichneten Willy-Brandt-Schule:
“ …..Der Namensgeber unserer Schule, Willy Brandt, hat einmal gesagt als er auf seiner Flucht vor der faschistischen NS Diktatur im Exil lebte: ‚der Tag wird kommen, an dem Hass, der im Krieg unvermeidlich scheint, überwunden wird. Einmal muss das Europa Wirklichkeit werden, in dem Europäer leben können‘.
Diese Worte sind heute wichtiger denn je. In einer Zeit, in der sich vor den Toren Europas mörderische Kriege abspielen und Flüchtlingsdramen die Folgen von Not, Tod und Verfolgung sichtbar machen, haben alle verantwortungsvollen gesellschaftlichen Kräfte die Aufgabe, ihre Stimme zu erheben und den Politikern, Militärs und Wirtschaftslobbyisten zuzurufen: Hört auf mit dieser Politik, die Tod und Untergang bringt!
Ganz so, wie es Willy Brandt getan hätte, wenn er noch leben würde. ….“

Hier der vollständige Text der Laudatio durch Helmut Müller (Ausschuss „Kirchlicher Entwicklungsdienst und Ökumene“)

Liebe Frau Högemann!
Liebe Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer der Willy-Brandt-Gesamtschule Bochum,
liebe Gäste, liebe Freundinnen und Freunde,
Auch ich möchte Euch und Sie zur Verleihung des Oberhausener Preises recht herzlich begrüßen.
Ich bin Vorsitzender des kreiskirchlichen Ausschusses „Kirchlicher Entwicklungsdienst und Ökumene“, der die Willy-Brandt-Gesamtschule Bochum als Preisträgerin vorgeschlagen hat.
Der Oberhausener Preis ist ein Preis des evangelischen Kirchenkreises Oberhausen, der seit über 20 Jahren an nichtkirchliche Gruppen und Organisationen verliehen wird,  die sich – so drücken wir es in unserer kirchlichen Sprache aus – für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – einsetzen.
In diesem Jahr wollen wir den Einsatz für den Frieden besonders würdigen, der in der Willy-Brandt Gesamtschule Bochum geleistet wird.
Aufgefallen seid Ihr uns, weil Ihr Euch 2013 als erste und leider bisher einzige Schule im Ruhrgebiet als „Schule ohne Bundeswehr“ benannt habt.
Ihr habt damit ein wichtiges friedenspolitisches Zeichen gesetzt.
Denn – weitgehend unbemerkt und kaum gesellschaftlich diskutiert aber mit breiter Rückendeckung der meisten im Bundestag vertretenen Parteien – hat sich die Bundeswehr in Bildungseinrichtungen wie Schulen und Universitäten fast ungehinderten Zutritt verschafft. Besuche von Wehrdienstberatern und Jugendoffizieren gibt es schon lange. Doch seit dem Aussetzen der Wehrpflicht sind Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte stärker in den Fokus der Armee gerückt.
So formulierte schon 2010 Karl-Theodor zu Guttenberg „Die Schule ist der richtige Ort für die Bundeswehr, um die jungen Menschen zu erreichen“. Und als Verteidigungsminister fordert de Maiziere schon 2011: „Die Mitarbeiter der Bundeswehr müssen raus in die Schulen, raus zum Technischen Hilfswerk und dort werben!“
Und im Koalitionsvertrag der großen Koalition wird ausdrücklich begrüßt, den Zugang des Militärs an Schulen und andere Bildungseinrichtungen zu fördern: „Die Jugendoffiziere leisten eine wichtige Arbeit bei der Information über den Auftrag der Bundeswehr. Wir begrüßen es, wenn möglichst viele Bildungseinrichtungen von diesem Angebot Gebrauch machen. Der Zugang der Bundeswehr zu Schulen, Hochschulen Ausbildungsmessen und ähnlichen Foren ist für uns selbstverständlich.“
Der große Verdienst von Ihnen – von Euch – als „Willy-Brandt-Gesamtschule Bochum“ ist es, dass Ihr öffentlich deutlich gemacht habt:
Nein: Dies darf nicht selbstverständlich sein – wir sind nicht bereit, zu akzeptieren, dass das Nachwuchs- und Akzeptanzproblem der Bundeswehr in den Schulen und anderen Bildungseinrichtungen, die zur Friedenserziehung verpflichtet sind, gelöst werden soll.
Schule will und soll der Ort sein, um eine Friedensethik einzuüben, die diesen Namen auch verdient.
Eine Organisation wie die Bundeswehr kann dazu keinen Beitrag leisten. Eine Interventionsarmee, deren Aufgabe – ganz offiziell – die Sicherung des ungehinderten Welthandels und des freien Zugangs zu natürlichen Ressourcen ist – kann und darf dazu in der Schule keinen pädagogischen Beitrag leisten.
Es ist Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer und der Schülerinnen und Schüler, nach Ursachen von Krieg und Vertreibung zu fragen und miteinander friedliche Lösungsansätze zu entwickeln.
Das haben Sie sich – und das habt Ihr Euch in der „Willy-Brandt-Gesamtschule Bochum“ vorgenommen.
Den Ausschuss „Kirchlicher Entwicklungsdienst und Ökumene“ hat besonders gefreut, beeindruckt und überzeugt, dass Schülerinnen und Schüler – die junge Generation – den Beschluss, der Bundeswehr in der Schule die rote Karte zu zeigen, zum Anlass genommen hat, selber verstärkt friedenspolitisch aktiv zu werden.
Die Schülervertretung hat z.B. eine Friedens-AG gegründet,  aus der eine Reihe weiterer Aktivitäten hervorgegangen sind.
Wir werden gleich davon sicher noch Beispiele hören.
Wir gratulieren allen, die sich beharrlich an der „Willy-Brandt-Gesamtschule“ dafür einsetzen, dass Konflikte friedlich bearbeitet und gelöst werden.
Wir wünschen einen langen Atem, weiterhin eine klare Haltung trotz manchem Gegenwind –
Und:
Wir wünschen uns, dass dieses Beispiel, der Bundeswehr die rote Karte zu zeigen, Schule macht.
Herzlichen Glückwunsch!  Ihr habt den Oberhausener Preis wirklich verdient!

Helmut Müller (Ausschuss „Kirchlicher Entwicklungsdienst und Ökumene“)

Den vollständigen Text der Dankesrede finden Sie hier:

Sehr geehrter Herr Superintendent, sehr geehrte Mitglieder des Kreissynodalvorstandes des Kirchenkreises Oberhausen, sehr geehrte Gäste,
bevor die Schülerinnen und Schüler einige Aspekte der friedenpädagogische Arbeit an der Willy Brandt Gesamtschule in Bochum vorstellen, lassen Sie mich einige Worte aus der Sicht des Pädagogen und Gewerkschafters verlieren.
Der Namensgeber unserer Schule, Willy Brandt, hat einmal gesagt als er auf seiner Flucht vor der faschistischen NS Diktatur  im Exil lebte: „der Tag wird kommen, an dem Hass, der im Krieg unvermeidlich scheint, überwunden wird. Einmal muss das Europa Wirklichkeit werden, in dem Europäer leben können“.

Diese Worte sind heute wichtiger denn je. In einer Zeit, in der sich vor den Toren Europas mörderische Kriege abspielen und Flüchtlingsdramen die Folgen von Not, Tod und Verfolgung sichtbar machen, haben alle verantwortungsvollen gesellschaftlichen Kräfte die Aufgabe, ihre Stimme zu erheben und den Politikern, Militärs und Wirtschaftslobbyisten zuzurufen: Hört auf mit dieser Politik, die Tod und Untergang bringt!
Ganz so, wie es Willy Brandt getan hätte, wenn er noch leben würde.
Die Schulkonferenz der Willy-Brandt Gesamtschule hat den Beschluss gefasst, bundeswehrfreie Schule zu sein, d.h. die Bundeswehr darf auf dem Gelände der Schule keine Werbung machen, den Dienst an der Waffe auszuüben.
Frieden entsteht aber nicht durch Beschlüsse, Frieden entsteht durch eine innere Einstellung und ist das höchste Ziel des Handels – und: Friedenserziehung ist ein Prozess.
Friedliches Verhalten gehört zu den wichtigsten Erziehungszielen. Friedenserziehung soll zur Veränderung der Welt beitragen, persönliche Gewaltbereitschaft abbauen und Formen struktureller Gewalt aufdecken und beseitigen helfen.
So haben sich die unterschiedlichen Fachschaften der WBG auf den Weg gemacht und ganz verschiede Projekte mit Schülerinnen und Schülern durchgeführt  (interreligiöser Tage, Stolpersteine, alternative Deutungen zur Finanzkrise, Aktionen gegen Rassismus und für Toleranz).
Die Schulgemeinde der Willy-Brandt Gesamtschule freut sich, den Oberhausener Friedenspreis in diesem Jahr zu erhalten. Die Verleihung des Friedenspreises bestätigt uns, dass unser Weg richtig ist. Wir sind stolz darauf, den  Friedenspreis zu erhalten und erhalten die Motivation, den Weg den wir beschritten haben, weiter zu gehen.

Glück auf


 

 

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