Presse: Keine Lügen? Nur Phantasie?

20. Januar 2015 | Veröffentlicht von Walter Schumacher / hr

AN sagt: Oskar Lafontaine [ist] auf dem„Pegida“-Trip

Pegida-TripUnter dem Titel „Oskar Lafontaine auf dem„Pegida“-Trip“ beschreibt Redakteur Werner Kolhoff in der gestrigen AN (19.1.15) aus seiner Sicht die politischen Einstellungen des bekannten Linkspartei-Politikers. Dieser Artikel ist ein journalistischer Tiefpunkt der Aachener Nachrichten. (1)
Im Kern versucht Kolhoff, Lafontaine in die rechte Ecke zu stellen. Er verwurstet dabei hemmungslos verschiedenste Begriffe und inhaltliche Themen, die Lafontaine in seinen öffentlichen Äußerungen gemacht hat. Im Artikel geht es um die ganze Bandbreite von Themen:

  • Begriff „Systemparteien“
  • Kritik an den „Mainstrem- Medien“
  • Flüchtlingsströme, die durch die weltweiten Kriege des Westens erzeugt werden
  • Kritik am Euro
  • Ukraine-Konflikt („Wortbruch des Westens“, „einseitige Osterweiterung der Nato“)

Nichts wird vollends gelogen, aber alles wird verbogen und anders (bösartiger) umgedeutet, als ursprünglichen von Lafontaine formuliert. Und der unbedarfte Leser der AN hat keine Chance, hinter diesen Propagandatext zu schauen.

Am Artikelende spielt Kolhoff mit dem Kampfbegriff „Krim-Annexion“. Natürlich kann er das Unabhängigkeitsreferendum in der Krim falsch finden. Man kann die darauf folgende Abspaltung der Krim von der Ukraine und die danach erfolgte Vereinigung mit Russland mit allen möglichen Begriffen kennzeichnen. Aber das Wort „Annexion“ ist einfach falsch!
Auch die FAZ hat das am 7.4.2014 unter dem Titel „Die Krim und das Völkerrecht – Kühle Ironie der Geschichte“ deutlich besser analysiert als Herr Kolhoff. (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-krim-und-das-voelkerrecht-kuehle-ironie-der-geschichte-12884464.html)

Der Autor dieses Artikels hat deshalb einen kritischen Leserbrief an die AN geschickt. Da erfahrungsgemäß völlig unklar ist, ob und wann so ein Leserbrief veröffentlicht wird, haben wir das hier schon mal gemacht. Wir werden berichten, falls das auch die AN macht.

(1) Nachtrag:

Soeben erfuhr die kraz, das gestern ein fast gleichlautender Artikel von Herrn Kolhoff auch in der ‚Saarbrücker Zeitung‘ unter dem Titel „Oskar Lafontaine, mit System gegen die Presse“ erschienen ist. So also sieht eine unabhängige Presselandschaft aus – zentral versorgt aus Berlin!

 

—-Betr.: Leserbrief zu ihrem heutigen AN-Artikel „Oskar Lafontaine auf dem„Pegida“-Trip“ von Werner Kolhoff

Lafontaine ist auf keinem „Pegida-Trip“

Oskar Lafontaine in die rechte Ecke stellen zu wollen, ist an den Haaren herbeigezogen. Der Beitrag von Werner Kolhoff, der dem linken Politiker eine Nähe zur rassistischen und anti-islamischen Pegida-Bewegung unterstellt, stellt einen journalistischen Tiefpunkt der Aachener Nachrichten dar. Einen Ausdruck zu kritisieren, ohne dessen inhaltlichen Kontext zu beleuchten, ist billige Stimmungsmache gegen einen konsequenten Kriegsgegner.
Ja, Oskar Lafontaine hat das Wort „Systemparteien“ benutzt. Aber anders als die Nazis, die damit ihre Abscheu gegenüber der Weimarer Republik zu Ausdruck brachten, nutzt Lafontaine diesen Begriff um zutiefst demokratische und humanistische Werten zu verteidigen: Die Etablierung einer „demokratischen Wirtschaftsordnung“ zur Überwindung sozialer Ungleichheit und die Ablehnung von Krieg als Mittel der Politik. Daraus aber irgendeine Affinität zu Pegida zu stricken, ist hanebüchen. Wenn Lafontaine von „Systemparteien“ spricht, meint er die Parteien, die seit 1998 entgegen der Mehrheitsmeinung fast allen Auslandseinsätzen der Bundeswehr zugestimmt haben: CDU, CSU, SPD, FDP und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.
Es ist auch offensichtlich, dass in der Friedensfrage die veröffentlichte Meinung in den relevanten Massenmedien eklatant von der öffentlichen Meinung abweicht. Das macht die „Mainstream-Medien“ nicht zu einer „Lügenpresse“, wie es die Pegida-Rassisten formulieren. Aber es ist richtig, dass eine Presse – die unisono diesen Widerspruch nicht offenlegt – andere Interessen verfolgt. Eine solch tendenziöse Form der Berichterstattung entspricht keinesfalls dem Anspruch einer unabhängigen Presse.
Es gibt viele weitere Punkte, wo Lafontaine offensichtlich im völligen Widerspruch zur Pegida-Argumentation steht. Hier nur ein Zitat: „Flüchtlinge ertrinken und Seuchen wie Ebola breiten sich aus, ohne dass die Industriestaaten auch nur im Entferntesten daran denken, zur Rettung dieser Menschen ähnlich viel Geld auszugeben, wie sie dem Militär jährlich zur Verfügung stellen.“ („Gegen den globalen Interventionismus von USA und Nato!“, Tagesspiegel vom 10.10.2014, http://www.tagesspiegel.de/meinung/die-linke-und-der-krieg-gegen-den-globalen-interventionismus-von-usa-und-nato/10822178.html). Eine solche Positionierung würden die Chauvinisten von Pegida niemals akzeptieren!

Ich fordere sie als Redaktion der Aachener Nachrichten auf, den monierten Artikel von Oskar Lafontaine („Frieden statt NATO“, junge Welt vom 08.01.2014, https://www.jungewelt.de/2015/01-08/021.php) abzudrucken. Die LeserInnen der Aachener Nachrichten sollen sich doch selbst ein Bild machen können, ob Lafontaines Positionen in irgendeiner Weise mit Pegida oder anderen Rechten kompatibel ist.

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