Schlecky Silberstein: „Das Internet muss weg“

11. August 2018 | Veröffentlicht von

Schlecky Silberstein: Das Internet muss weg

Eine Buchbesprechung

Als papierlose Zeitung im Internet lebt die kraz vom und im Internet. Insofern reizt der provokative Titel zum Lesen. Außerdem hatten Freunde das Buch empfohlen und versprochen, man könne daraus viel lernen. Deshalb haben wir daraus eine Buchbesprechung gemacht.

Vorweg – das Buch liest sich sehr angenehm und verständlich und es ist ein Verständnisgewinn auch für diejenigen, die sich mit dem Internet und seinen Tücken nicht auskennen.
Der Autor Schlecky SilbersteinPromotion-Video vom Autor Schlecky Silberstein ist ein ‚Blogger‘ mit 600.000 regelmäßigen Lesern und somit eine wichtige Person der Internet-Gemeinde. Er ist Jahrgang ´81 und er kennt sich im Internet wirklich gut aus. Sein Buch beginnt er mit einem historischen Vergleich zwischen der Entwicklung des Internets und der Einführung des Buch- und Zeitungsdrucks und den jeweils zeitgleich entwickelnden Phasen von technischen Revolutionen. Und dann geht‘s los.

Geld ist der Treibstoff des Internets

So lautet der absolut sinnvolle zentrale Analyse-Ansatz des Autors. Im ersten Kapitel „Follow the Money, Geld ist der Treibstoff des Internets“ beschreibt er konkret und nachvollziehbar, wer-und-wie am Internet verdient.
Einerseits geht es darum, wie und welche Daten von den Usern gestohlen werden – und ohne dass diese es überhaupt bemerken; und in einem Umfang, den sich bis vor kurzem kaum jemand vorstellen konnte. Und Silberstein beschreibt, welchen kommerziellen Nutzen diese – scheinbar belanglosen – Daten-Massen haben.

Daraus folgt schnell die klare Erkenntnis
==> „Wenn es nichts kostet, sind Sie das Produkt“

(Bewusste) Auflösung von Wahrheiten

Sehr schön auch das Kapitel „Das Desinformations-Zeitalter lädt ein“.
Hier lässt sich gut nachvollziehen, wie sich die eigenen, gesicherte „Wahrheiten“ langsam auflösen und sich alles in einem großen Brei vermengt.
Dabei beschreibt er vorzüglich, wie das (gesellschaftlich/wissenschaftliche) psychologische Wissen über die menschliche Psyche gezielt dazu benutzt wird, BEWUSST und INTERESSENSGELEITET unsere eigenen psychischen Kontrollen (die jeder auf natürliche Weise als Schutz mit sich trägt) zu brechen bzw. zu umgehen und so in unser ICH eindringen. Sind unsere ureigensten Kontrollen durch die Internetkonzerne erst mal überwunden, dann gelingt Manipulation.

Ähnlich verheerend ist die Wirkung auf die Medien und den Journalismus. Auch bei der schreibenden Zunft kommt die Wahrheit unter die rasenden Räder. Und das flüchtige Lese-Verhalten der Konsumenten verstärkt ihrerseits diese Wirkung nochmals.

In diesem Kapitel gibt Silberstein dann noch Praxistipp zum Erkennen von Fake-News. Das wirkt aber bei dem Umfang der beschriebenen Problematik schon fast hilflos.

Verhaltensanpassung durch „Posts“ und Liken“

Im Kapital „Die Echokammer meiner Mutter“ beschreibt Silberstein dabei ein Verfahren, WIE das menschen-eigene Belohnungssystem gezielt benutzt wird, um Verhalten und Denken „umzudrehen“. Man versteht gut, was Silberstein meint, auch wenn seine Analyse nicht ganz präzise ist. Er zeigt das am Beispiel von „Posts“ und Liken“:
Falls die eigenen ‚Posts‘ durch das „Liken“ fremder ‚Posts‘ selber immer mehr ge-“liked“ werden dann gerät derjenige durch diese „Belohnung“ nach und nach immer mehr in ein Feld von Ansichten hinein, die ursprünglich nicht seine eigenen sind. Das geschieht um so stärker, je weniger man dieses ‚liken‘ und ‚geliked werden‘ wirklich unter Kontrolle hält. Es kann dann nämlich geschehen, dass man sich selber inhaltlich in die permanent ‚geliked‘ Richtung verändert, weil man sich (bei massivem Nutzen sozialer Medien) in einer Informations-Bubble befindet.
Die Annahme von Silberstein lautet, dass das ‚Posten‘ solcher Artikel automatisch zu einer inhaltlichen Übernahme der Positionen führt.
[Kommentar ws: Das mag in anderen Fällen wirklich so sein , wird aber an dem gewählten Beispiel seiner Mutter letztlich nicht bewiesen.]

Absolut brilliant ist sein Kapitel „Die Rückkehr der Arschlöcher“

Hier beschreibt er, wie durch die fortschrittlichen Eigenschaften gleichzeitig auch die Wiederkehr von reaktionären Denkweisen in die Gesellschaft geschieht. In einem ersten Schritt ist seit den 68-ern in der öffentlichen Diskussion eine deutliche kulturelle Dominanz von links-liberalen Lebenskonzepten und angemessenen Verhaltensweisen entstanden, die wir heute ‚politically correct‘ nennen. Diese hat seither die klassisch reaktionären Denkmodelle aus den öffentlichen Medien hinaus und in die Untergrund verdrängt. Er nennt die Träger diese Denkens die weißen, männlichen Arschlöcher, die Chauvinisten und Patriarchen (alten Männer). Diese Menschen gab es auch weiterhin in einem relevanten Prozentsatz. Aber VOR dem Internet konnten sie sich nicht miteinander verbinden! Sie waren nicht verschwunden, auch wenn es manchen so schien, weil sie nicht sichtbar waren.
Durch das Internet gibt es jetzt im zweiten Schritt auch für diese Menschen wieder die Möglichkeit, sich aus ihrer Vereinzelung zu lösen, sich zusammenzuschließen, sich gegenseitig zu bestärken und wieder offen zur Macht zu gelangen….

Bis hierher ist das Buch eine erstklassige Darstellung

  • mit welchen Mitteln des Internet die Menschen verändert,
  • welche Bereiche des Verstehens und Denkens verändert werden und
  • welche Beeinflussung/Steuerungsmöglichkeiten das Internet bietet.

Arbeit & Social-Media

Es folgt dann eine Beschreibungen der Auswirkungen auf die Arbeitswelt und auf die Social-Media-Generation. Auch dies ist gut lesbar und informativ, gibt es aber in vielen anderen Büchern mindestens genauso gut.

DIE zentrale Frage: Was soll ich tun?

Nach so viel Analyse der „Ist“-Situation im Internet drängt sich natürlich die Frage auf, „was tun?“. Die Hoffnungen auf ernsthafte Lösungsvorschläge durch Silberstein werden im Schlusskapitel klar enttäuscht. Er unterscheidet nicht zwischen „individuellen Schutz- und Sicherungssystemen“ und dem „gesellschaftlichen Aspekt des Internet“.

Seine Ratschläge – die er ehrlicherweise „Was soll ICH tun?“ nennt – mögen einem klugen und technisch kompetenten Individuum helfen, sich nicht total in den Manipulationstentakel der Internet-Konzerne zu verheddern. Aber sie sind ein rein individualistischer Ansatz, der aufs Ganze gesehen sicher nicht helfen kann! Obwohl Silberstein eigentlich genau weiß, dass und wie die Menschen durch die Internetkonzerne „als Masse“ analysiert und umgeformt werden, kommt ihm leider nicht der Hauch eines Gedankens, dass darauf „im Großen“ geantwortet werden müsste.

Die Stärke des Buchs ist die verständliche Beschreibung. wie die Mechanismen sind und welches die gesellschaftliche Kräfte sind („die Psychologen-Armee der Internet-Konzerne“), die jedes Individuum verwurstet.

Die Lösung kann nur eine gesellschaftliche Lösung sein

Wie auch sonst im Kapitalismus ist es KEINE wirksame Lösung, sich INDIVIDUELL den Marktgesetzen den Marktkräften entgegenzustellen. Die Lösung kann nur in einer gesellschaftlichen Aneignung des Netzes und in einer Entmachtung – sprich Vergesellschaftung der Internet-Konzerne – bestehen.
Wir brauchen unbedingt Gesetze, die das umfassende Recht auf die eigenen Daten absichern. Ausschließlich Gesetze (natürlich auch die Abschaffung des Kapitalismus) können verhindern, dass ‚unsere Daten‘ zur ‚marktfähigen Ware‘ werden. Die Marktmacht der Internetkonzerne muss mit juristischer Gewalt gebrochen werden. Sollte das nicht gelingen, wird die Enteignung (die Verwandlung unserer ureigendsten Daten zur Ware) unvermeidbar sein.
Pessimistisch formuliert lautet die These: Im Kapitalismus kann keine wirkliche Freiheit von Menschen existieren, weil die Macht des Kapitals (bzw. der Zwang zur Kapitalverwertung) jede Freiheit letztlich „kauft“.
Möglicherweise hat Siberstein das alles sehr wohl verstanden. Aber er hat sich dann nicht getraut, diesen (fast kommunistischen Ansatz) öffentlich aufzuschreiben. Er kennt ja die Macht der Märkte und weiß was jemandem (auch ihm) droht, der solche Wahrheiten ausspricht.
Aber vielleicht weiß er es (noch) nicht und wir LeserInnen müssen bei ihm oder anderen „Bloggern“ noch etwas warten, bis denn endlich die Analyse tatsächlich tief genug auf den Grund geht, um nicht im Vordergründigen stecken zu bleiben, sondern die eigentlichen Triebkräfte dieser Verbiegung des Menschen zu beseitigen und eine wirklich freie Welt zu erobern!

Trotzdem: Das Buch lesen lohnt sich absolut!

PS: Was leider fehlt … ein Kommentar von ws

Würde Silberstein in marxistischen Begriffen denken, wäre er sicher stärker auf den ‚Warencharakter der Daten‘ der einzelnen Nutzer eingegangen. Er hätte dann in einem (leider fehlenden) Kapitel beschrieben können, dass

  • es früher um die Ermittlung von Daten „für die Macht der Herrschenden“ ging (die damals durch die Geheimdienste beschafft werden mussten).
  • es heute um die Daten der Ware „menschliche Bedürfnisse“ für die optimierte Verwertung anderer Waren geht

Und Silberstein hätte sicher den Zeitpunkt nennen können, wann diese Verwandlung der Herrschafts-Daten zu Waren-Daten geschah.
In einem weiteren (ebenfalls fehlenden) Kapitel hätte er auch noch beschreiben können, dass

  • FRÜHER die Daten von den Herrschende zur Unterdrückung der Widerständigen Individuen genutzt wurden,
  • es um Unterdrückung auf dem kapitalistischen Markt aber gar nicht geht.

Hier ist das Individuum als politisches (ggf. widerspenstiges) Subjekt uninteressant. Dem Kapital geht es ausschließlich um das wirtschaftlich zu verwertende Objekt.
Natürlich gibt es immer noch auch die Geheimdienste. Und die sind natürlich immer noch an widerspenstigen Individuen interessiert, um diese letztlich auszuschalten bzw. zu neutralisieren. Diese Geheimdienste werden sich ‚natürlich‘ auch der gleichen Daten bedienen; ggf. sogar bei der Wirtschaft einkaufen, obwohl diese eigentlich nur für ökonomische Zwecke gesammelt wurden.

PS-2: Ein Hinweis zu den psychologisch/politischen Hintergründen

Silberstein erwähnt an vielen Stellen, wie das Internet letztlich das eigene Weltbild verändert bzw. vernebelt. Wer sich hierzu den psychologisch/politischen Hintergründe genauer anschauen möchte, sei auf Artikel (und Videos) von Prof. Reiner Mausfeld hingewiesen. Da finden sie die „andere psychologische“ Seite des Silberstein-Buches.

 

Besprechung des Buchs „Das Internet muss weg“ von Schlecky Silberstein, Knaus-Verlag, 16,00 €