Traurige Realität

12. August 2012 | Veröffentlicht von Jens Wegener / ws


Es ist ein warmer Sommertag in der Kölner Südstadt, wie jeden Samstag findet wieder einmal ein Heimspiel der Fortuna statt.


Alles ganz normal, doch dann werden kurz vor der zweiten Halbzeit zwei Transparente entrollt mit der Aufschrift „Nazis Raus aus den Köpfen – Solidarität mit den Aachen Ultras. Diese waren unter der Woche durch Mitglieder der Karlsbande Ultras (KBU) brutal überfallen worden (Siehe kraz-Artikel).

In der Südkurve wird applaudiert und viele stimmen zu, dass es schrecklich ist, dass solche Menschen sich als normale Fußballfans aufführen. Was im Kölner Süden absolut normal ist und in vielen anderen Stadien auch, scheint für die Alemannia Aachen-Führung zweitrangig zu sein.

Nur ein Streit zwischen Fangruppen?

Am Anfang versuchte die Alemannia den Konflikt herunter zu spielen, indem sie behauptete, dass es sich lediglich um einen Streit zwischen zwei Fanclubs handele. Man wollte das Wort „Nazis“ offenbar auf keinen Fall in den Mund nehmen.

Aber genau darum geht es in diesem Streit. Die Karlsbande Ultras und die Aachen Supporters sind schon seit langem unterwandert von faschistischen Gruppen und dienen diesen als Rekrutierungspotenzial. Denis U. und Eric T. sind dafür gute Beispiele. Zuerst über den Tivoli angeheuert, wurden sie zu Führungskräften der extremen Rechten. Denis U. sitzt derzeit in Untersuchungshaft wegen mehrerer Straftaten.

Statt sich jedoch klar gegen Nazis zu positionieren, versucht die Alemannia-Geschäftsführung dem Problem aus dem Weg zu gehen. So sagte der Alemannia-Sprecher Andre Schaefer in der AN „Wir haben ihnen sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass es inzwischen schon viel später als fünf vor zwölf ist“ (Aachener Nachrichten 10.08.2012).

Ein solcher Satz, der im ersten Moment vernünftig klingt, verpufft bei der Betrachtung der Realität. Wenn Menschen überfallen werden, Autos auf dem Weg zum Stadion angegriffen werden, Menschen durch Straßen gejagt werden, Fans im Stadion nicht mehr sicher sind, wenn Menschen sich nicht mehr trauen, auf Auswärtsspiele zu fahren, ist es erst dann für die Alemannia „später als fünf vor zwölf“? Da fragt man sich, was noch passieren soll? Will die Alemannia warten bis jemand stirbt, bevor sie handelt?

Volles Stadion ist wichtiger

Das Verhalten der Alemannia macht den Eindruck, dass dem Verein eine hohe Zuschauerzahl wichtiger ist als eine klare Positionierung gegen Nazigewalt. Zwar reden die Verantwortlichen nun – nachdem sich der Rat der Stadt Aachen eingemischt hat – davon, dass auch Gruppenverbote nicht ausgeschlossen seien. Aber das wirkt unehrlich und ist bloß eine weitere Aussage, die nicht durch konkretes Handeln bestätigt wurde. Die kriminelle Bande Ultras kann immer noch schalten und walten wie sie will.

Konkretes Handeln müsste dagegen heißen, dass die KBU Stadionverbot erhält und nicht mehr als offizielle Fangruppe zur Alemannia zählt. Das selbe gilt für die Aachen Supporters. Den antirassistischen Aachen Ultras müsste dagegen die Rückkehr in den S3 Block gesichert werden. Schließlich wurde diese Gruppe durch die ständigen Angriffe der faschistisch unterwanderten Fangruppen aus ihrem Block vertrieben. Wenn dies nicht passiert, wird der Tivoli immer ein Rekrutierungsort von Nazis bleiben.

Während in anderen Stadien eine Solidarität mit den antirassistischen Aachen Ultras stattfindet, redet die Alemannia immer noch von einem nötigen Dialog zwischen den „Fangruppen“ und will nicht begreifen, dass der Verein so nur Solidarität mit Nazis und Gewalttätern zeigt.

Die wahren Fans sind jene, die trotz Gewaltandrohungen und schweren Körperverletzungen ihren Verein immer noch unterstützen, obwohl dieser ihnen immer wieder in den Rücken fällt. Eine traurige Aachener Realität.