Trickst die Atomindustrie gegen Atomausstieg?

3. Juni 2012 | Veröffentlicht von Walter Schumacher / js

Kritiker werfen dem belgischen Atomenergiekonzern Electrabel vor, die belgische Regierung erpressen zu wollen. Tatsache ist, dass das Unternehmen zur Zeit Fakten schafft, die dazu führen werden, dass die Reserven bei der Stromversorgung in Belgien nicht mehr gesichert sind.

Soll die belgische Regierung so gezwungen werden, zur Vermeidung von Stromausfällen den geplanten Atomausstieg zu stoppen oder hinauszuzögern? Ein denkbares Motiv von Electrabel: mit den mittlerweile abgeschriebenen Meilern lässt sich viel Geld verdienen!

Electrabel und die belgischen Atomkraftwerke

Belgien hat zwei große AKW-Komplexe, einen in Doel mit vier Reaktoren und einen in Tihange mit drei Reaktoren. Sie wurden in den Jahren 1975/1982/1985 gebaut. Electrabel ist Besitzer und Betreiber dieser AKWs.

Das AKW-Tihange liegt ca 60 km westlich von Aachen. Bei einem atomaren GAU wären sowohl das belgische Lüttich, als auch Maastricht/NL und Aachen/D mit insgesamt weit über 1,5 Mio Menschen betroffen. Wegen der Nähe zu Deutschland war Tihange mehrfach im Fokus auch der deutschen Anti-AKW-Bewegung.

Electrabel müsste in seine AKWs investieren

Die belgischen Gesetze, aber auch der Anlagenzustand der belgischen AKWs erfordern für einen Weiterbetrieb Investitionen in die technischen Anlagen und deren Sicherheit. Falls der AKW-Ausstieg bald kommt, sind das Investitionen für einen kurzen Zeitraum, also sehr teuer!

Der belgische Atomausstieg

Die belgischen Gesetze verlangen, dass ein AKW nach 40 Jahren abgeschaltet werden muss. Daraus ergibt sich bspw. das Ende der einzelnen AKW-Blöcke in Tihange für die Jahre 2015/2022/2025.

Es gab auch in Belgien diverse Versuche, diese Fristen um 10 Jahre oder mehr zu verlängern, aber letztlich liegt kein endgültiger Verlängerungsbeschluss vor.

Belgische gesetzliche Reglungen vor dem endgültigen Abschalten eines AKWs

AKW-Betreiber in Belgien sind gesetzlich verpflichtet, drei Jahre vor dem endgültigen Abschalten eines AKWs einen Stilllegungsplan bekannt zu geben.

In Doel-1 (Inbetriebnahme am 15.2.1975) hätte – nach vierzigjähriger Laufzeit des AKWs – dieser Plan am 15.2.2012 vorgelegt werden müssen. Bei Tihange-1 wird das spätestens der 1.10.12 und bei Doel-2 der 1.12.2012 sein.

Aber keine dieser Rückbauplanungen liegt vor! Das zwingt zu dem Schluss: Electrabel spekuliert auf Verlängerung der Laufzeiten ihrer AKWs.

Wer ist Electrabel?

Electrabel ist eine belgische Gesellschaft, gehört aber zu 100% der französischen „GDF-Suez. Diese ist wiederum Teil der französischen Atomindustrie, was in Belgien bei dem hier beschriebenen Konflikt teils zu nationalistischen Zwischentönen führt.

GDF-Suez gehört zu den ganz Großen bei der Erzeugung von Atomstrom weltweit. Bei konventioneller Stromerzeugung ist es sogar die Nummer 1! Möglicherweise ist deshalb Belgien aus GDF-Suez-Sicht klein genug, um hier einen Test der besonderen Art durchzuführen: kann man durch geeignete unternehmerische Maßnahmen einen Staat zwingen, die Laufzeit von AKWs zu verlängern?

Electrabel betreibt außer AKWs auch konventionelle Kraftwerke

Electrabel (wie auch GDF-Suez) betreibt nicht nur Atomkraftwerke, sondern auch mehrere konventionelle Gas-, Biomasse- und Kohlekraftwerke.

Electrabel will vorerst nicht mehr in Belgien investieren

Electrabel streicht in großem Maß Investitionen im Energiesektor. Sie wollen zwei Kraftwerke schließen. Dies wurde im Mai bei einer Betriebsratssitzung bekannt. 132 Jobs stehen auf der Kippe: In dem Biomasse-Kraftwerk im ostflämischen Ruien sind 105 Personen beschäftigt, im Gaskraftwerk von Les Awirs (bei Lüttich) sind es 27.

Auch beim AKW-Sektor werden Investitionen zurückgefahren. Die Begründung ist, dass die Investitionen bzw. sogar der Betrieb sich nicht lohnen würde, weil unklar sei, wie sich der weitere Markt entwickelt.

Hierzu muss man wissen, dass die Stromerzeugung eines AKWs (1.000 MW) täglich ca. 1 Mio € einbringt. Hinzu kommt, dass die belgischen Atommeiler schon längst abgeschrieben sind.

Electrabel hat tatsächlich ein kommerzielles Problem

Vermutlich würde Electrabel ihre AKWs am liebsten einfach weiterlaufen lassen, ohne einen Euro zu investieren. Das geht aber gesetzlich nicht. So entsteht – durch die begrenzte Zeit bis zur Abschaltung ihrer AKWs – tatsächlich ein Interessenskonflikt zwischen

  • Minimierung der Investitionskosten für die AKW-Restlaufzeiten und

  • der (gesetzlichen) Notwendigkeit, Sicherheitsstandards bei AKWs einzuhalten.

Sind nach einer Ertüchtigung die Restlaufzeiten kurz, dann sind – relativ gesehen – die dafür notwendigen Kosten sehr teuer, schmälern also die enormen täglichen Gewinne aus der Stromproduktion.

Electrabel könnte sich zähneknirschend damit abfinden – oder aber ganz hoch pokern: nämlich die Stromerzeugung massiv zu reduzieren, so dass die belgische Gesellschaft um mehr Strom „bettelten“ muss. Dann können sowohl die Sicherheitsstandards als auch die durchsetzbaren Preise entsprechend gestaltet werden.

Eine Strategie zum Weiterbetrieb von Atomkraftwerken

Jeder weiß: Die dauerhafte Abschaltung aller AKWs hat zur notwendigen Voraussetzung, dass genügend andere (regenerative) Energie bereitgestellt wird. Wer also seine Atomkraftwerke trotz des offiziell verkündeten „Atomausstiegs“ weiter betreiben will, braucht nur folgendes simple Konzept verfolgen:

  • Behinderung der regenerativen Energieerzeugung und des entsprechend notwendigen Netzumbaus.

  • möglichst weitgehender Abbau aller Stromreserve-Anlagen

  • gezieltes Herbeiführen von Blackouts (bzw. Drohung damit)

==> und dann den Weiterbetrieb der AKWs als „Rettung“ anbieten!

Electrabel – ein Testfall auch für deutsche AKW-Betreiber?

Das Beispiel Belgien wirft Fragen auf: Auch die deutschen Energieriesen wollen den Atomausstieg nicht, sie sind vielmehr politisch dazu gezwungen worden. Und ein offensives Anrennen gegen die neuen (eigentlich immer noch relativ AKW-freundlichen) Ausstiegsgesetze ist politisch nicht ratsam.

Wenn aber durch geeignete Maßnahmen ein Strom-Blackout herbeigeführt wird (bzw. zumindest ernsthaft droht), kann hierdurch vielleicht ein Umschwung in der öffentlichen Meinung erreicht werden.

Die offensichtliche Behinderung der Umsetzung der „Energiewende“ zeigt auch in Deutschland, dass in diesem Bereich kräftig im Hintergrund „operiert“ wird.

Und wenn es nicht zu einer Verlängerung der AKW-Laufzeiten kommt, dann bleibt zumindest ein Vorteil für die Energieriesen: Bei Strom“knappheit“ lassen sich höhere Preise einfacher durchsetzen als wenn Strom (durch regenerative Energien) im Überfluss vorhanden sein sollte.

Schon jetzt zeigt sich in Deutschland eine enorme Verteuerung der Stromkosten für die Endverbraucher, obwohl die Strompreise auf den Strombörsen gefallen sind. Irgendwo müsste da jemand doch erhebliche Gewinne einfahren?

Alles nur Verschwörungstheorie?

Die in diesem Artikel genannten Fakten beruhen zu großen Teilen auf Meldungen des belgischen Rundfunks (BRF, deutschsprachig) und der Tageszeitung „Grenzecho“ aus Eupen (ebenfalls deutschsprachig). Das beschriebene Szenario unterstellt ein planvolles Vorgehen der Energiekonzerne Electrabel, RWE, EON, … .

Ist dieser Artikel deshalb schon wieder Teil einer neuen Verschwörungstheorie?

Planung“ ist für Wirtschaftsunternehmen ein selbstverständliches „Muss“! Das gilt sicher auch für den Energie-Markt. Auch geht es um Gewinne und nicht um die Anerkennung demokratischer Entscheidungen. (Bewusste) Verknappung von Gütern auf einem Markt ist zwar nicht nett, aber legal. Und alles was sich „legal“ machen lässt wird auch gemacht. Das ist nun mal das Wesen unseres kapitalistischen Wirtschaftssystems.

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links zu wichtigen Informationen in diesem Artikel

Kontakt in Aachen wegen der belgischen AKWs