Wieder keine neutrale Bewertung der AKW-Fehlstellen in Doel und Tihange?

8. Oktober 2014 | Veröffentlicht von Aktionsbündnis gegen Atomenergie / ws

Bewertung der AKW-Fehlstellen in Doel und Tihange (Belgien)
– erneut nur durch abhängige Experten!?

Die belgische Atomaufsicht verweigert erneut die Beteiligung von unabhängigen Experten bei der Untersuchung der wegen drastischer Sicherheitsmängel abgeschalteten AKWs in Tihange und Doel

Die Geschichte um die Risse in den beiden AKW-Blöcken Doel 3 und Tihange 2 geht in die nächste Runde. Beide AKWs waren im März 2014 vom Betreiber panikartig abgeschaltet worden, nach dem Testergebnisse eine absolut kritische Situation im Reaktordruckbehälter gezeigt hatten.

Diese Testergebnisse entsprachen weitestgehend den warnenden Voraussagen einer wissenschaftlichen Konferenz, die im Januar 2014 vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie durchgeführt wurde.
Der AKW-Betreiber Electrabel hat mittlerweile weitere Tests durchgeführt – vermutlich in der Hoffnung, doch noch etwas zu finden, was die finale Abschaltung beider AKWs verhindern könnte.

Die neue Expertenkommission

Alle Testergebnisse liegen jetzt der belgischen Atomaufsicht (FANC) vor. Diese hat sinnvollerweise ein internationales Expertenteam berufen, das eine seriöse Bewertung dieser Ergebnisse vornehmen soll. Leider wurden bisher weder die Namen der Experten noch deren fachliche Qualifizierung veröffentlicht.
Das Aachener Bündnis hat schon im Vorfeld bei einem Treffen mit der FANC im April diesen Jahres gefordert, dass bei Berufung solch einer Kommission auch unabhängige ExpertenInnen hinzu genommen werden müssten. Die AKW-Gegner hatte eine Liste solcher Experten vorgelegt (1). Die FANC hat die Hinzuziehung unabhängiger Experten sowohl bei dem genannten Treffen, als auch bei der neuen Kommission abgelehnt. Vielmehr behauptet die FANC erneut in einem Schriftwechsel, die vorgeschlagenen Wissenschaftler wären für die anstehende Expertise nicht qualifiziert.

Die AKW-Gegner fordern von der FANC daher sowohl die Namen der Experten als auch den Kriterienkatalog bei deren Berufung, um so die FANC-Entscheidung angemessen bewerten zu können.

Die alte Expertenkommission der FANC hat versagt

Schon die letzte von der FANC einberufene Expertenkommission (aus der Untersuchungsphase bis 2/2013) hatte ausschließlich aus Experten bestanden, die in einem ökonomischen Abhängigkeitsverhältnis zur Nukleartechnik stehen. Im Ergebnis hat diese Kommission das Wiederanschalten beider AKW-Blöcke befürwortet. Aufgrund dieser Empfehlung hat die FANC genehmigt, im Juni 2013 beide AKW-Blöcke wieder hoch zu fahren.
Diese Experten-Kommission hatte damals einen Bericht erstellt, der entscheidende kritische Punkte nicht korrekt bewertet hatte. Dies wurde durch eine hochkarätig besetzte wissenschaftliche Konferenz (organisiert durch das Aachener Anti-Atombündnis) im Januar 2014 nachgewiesen.

Material-Tests mit katastrophalen Resultaten

Aufgrund des permanenten Drucks der AKW-Gegner wurden im Frühjahr 2014 schließlich doch noch Material-Tests durch Electrabel durchgeführt. Sobald deren katastrophale Ergebnisse bekannt wurden, hat das zu der o.g. sofortigen Abschalten beider AKWs im März 2014 geführt.

Keine Lehren aus dem blamablen Versagen der FANC-Expertenrunde?

Für die Aachener AKW-Gegner ist völlig unverständlich, wieso die FANC keine Lehren aus dem blamablen Versagen ihrer strategischen Expertenrunde gezogen hat. Schließlich war es eine Expertenkommission, die das Anschalten zweier AKWs empfiehlt und keine zwölf Monate später durch Testergebnisse den Beweis ihrer Fehlentscheidung vorgeführt bekommt. Solch eine Expertenkommission hat offensichtlich defizitär gearbeitet. Das gilt um so mehr, als die o.g. „Expertenkonferenz der Atomkritiker“ das Test-Ergebnis weitestgehend korrekt vorausgesagt hatten, obwohl ihnen nicht die gleichen materiellen Ressourcen und Informationen zur Verfügung gestanden haben.

Zusammenfassung der Forderungen

des Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie an die FANC
1. Namensliste der Experten der Kommission
2. Detaillierter Kriterienkatalog, nach dem die Experten durch die FANC berufen wurden.
3. Einberufung mindestens eines der vorgeschlagenen unabhängigen Experten des Aachener Bündnisses

 

(1) Liste der vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie vorgeschlagen Experten

Prof. Wolfgang Rennberg, langjähriger Leiter der bundesdeutschen Atomaufsicht
Prof. Wolfgang Kromp, Materialwissenschaftler
Dr. Ilse Tweer, Materialwissenschaflerin
Dipl.-Ing Dieter Majer, technischer Leiter der deutschen Atomaufsicht.
Dr. Rainer Moormann, Chemiker und Experte für nukleare Anlagen

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