Wiederanfahren vom AKW-Tihange-2 unverantwortlich

23. Februar 2013 | Veröffentlicht von anti-akw-ac / ws

Ehemaliger Leiter der Aufsicht über kerntechnische Einrichtungen in Deutschland hält das Wiederanfahren der Atomreaktoren Tihange 2 und Doel 3 für unverantwortlich

Am 7. Februar hat die belgische Atomaufsicht FANC die Berichte zu den Fehlstellen in den Reaktoren Doel 3 und Tihange 2 veröffentlicht. Diese Berichte enthalten offene Fragen und weisen auf die fehlenden Nachweise zur strukturellen Integrität hin. Trotzdem kommt die belgische Atomaufsicht FANC zum Schluss, dass „ … es keine Gründe gibt, den Reaktor definitiv abzuschalten.“

Im Sommer 2012 wurden in den beiden Reaktoren tausende Fehlstellen gefunden. Im Reaktor Tihange 2 befinden sich mehr als 2.000 und in Doel 3 weit mehr als 8.000. Sie besitzen eine Größe von bis zu 2,4 cm und sind durchschnittlich 1 cm groß. Seit diesen Funden stehen die beiden Reaktoren still und Betreiber und belgische Atomaufsicht setzen alles daran die beiden Reaktoren wieder ans Netz zu bekommen. Anfang Februar wurden nun die Berichte von Betreiber Electrabel, der nationalen und internationalen Experten­kommission sowie der FANC selbst veröffentlicht.

Feststellung in diesem Berichte:

  • Die Herkunft der Risse kann nicht nachgewiesen werden.

  • Die Struktur der Fehlstellen kann nicht nachgewiesen werden.

  • Die Herstellerdokumentation ist unvollständig und widersprüchlich.

  • Den Gutachtern liegt kein Original-Testmaterial der Reaktordruckbehälter vor.

  • Das stattdessen verwendete Testmaterial hat weder den Alterungsprozess (Neutronen­beschuss und thermische Belastung) erlitten, noch ist es von der gleichen Legierung.

  • Das bei den Reaktordruckbehältern eingesetzte Ultraschallverfahren ist nicht validiert.

  • Der Nachweis der strukturellen Integrität der Reaktordruckbehälter berücksichtigt keine Alterungser­scheinungen durch thermische Belastung und Neutronenbeschuss.

  • Der Nachweis der strukturellen Integrität der Reaktordruckbehälter ist nach zugrundeliegendem Standard gescheitert.

Der Betreiber Electrabel empfiehlt nun, bereits im Normalbetrieb die Belastungen der Reaktoren zu reduzieren. So soll der Neutronenbeschuss reduziert und der Reaktor langsamer hoch- und wieder runtergefahren werden.

Ein Experte für kerntechnische Anlagen

Dieter Majer sagt dazu: „All das deutet darauf hin, dass die Verantwortlichen der Meinung sind, dass die Anlage nicht mehr in einem sicheren Zustand ist.“

Dieter Majer ist ausgewiesener Experte für Fragen der Sicherheit von kerntechnischen Anlagen und leitete 13 Jahre die Aufsicht über kerntechnische Einrichtungen in Deutschland. Im weiteren betonte er, dass man Qualität nicht in ein Bauteil hineinprüfen kann, falls bei der Herstellung nicht ausreichend dokumentiert wurde. „Hier muss man auf die Herstellungsdokumentation vertrauen. Und wenn man die nicht hat, dann kann man nur sagen, da haben wir ein Riesenproblem. Ich hatte einen Fall in dem deutschen Atomkraftwerk Biblis, wo wir eine Komponente rausgeworfen haben, nachdem die Dokumentation widersprüchlich war.“

Zusammenfassend sagt Dieter Majer: „Man muss feststellen, dass ein Wieder­anfahren der beiden Reaktoren nach der uns zur Verfügung stehenden Aktenlage nicht zu verantworten ist.“

FANC – eine unabhängige Atomaufsicht?

Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie unabhängig eine Atom­aufsichts­behörde sein kann, die von Jan Bens geleitet wird. Jan Bens ist seit Jahresbeginn oberster Leiter der belgischen Atomaufsicht FANC. Während des Baus von Doel 3 war er beim Betreiber Electrabel im Bereich Betrieb und Sicherheit beschäftigt (1979 – 1985). Ab 2004 war Jan Bens sogar auf Betreiberseite Leiter des Atomkomplexes Doel.
Er wechselte dann 2007 zur  WANO (World Association of Nuclear Operators), die die internationale Interessenvertretung der Atomkraftbetreiber ist. „Mit Jan Bens hat man den Bock zum Gärtner gemacht“ stellt Inge Gauglitz vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie dazu fest.

Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie (http://www.anti-akw-ac.de)
Stop Tihange (http://www.stop-tihange.org)